Bibliotheca Palatina

Von der Heiliggeistkirche in alle Welt - Die Bibliotheca Palatina

Am 14. Februar 2023 jährte sich zum 400. Mal das Datum der Wegführung der Bibliotheca Palatina. Sie wurde die "Mutter aller Bibliotheken" genannt und war in der Renaissance die bedeutendste Sammlung von Büchern im Abendland. Hauptsächlich in der Heiliggeistkirche in Heidelberg untergebracht, kam sie als Beutekunst des Dreißigjährigen Kriegs nach Rom und ist heute ein bedeutender Fond in der Vatikanischen Bibliothek.
 
Die Bibliotheca Palatina soll an ihrem Ursprungsort auf den Doppelemporen der Heiliggeistkirche durch eine Dauerausstellung digital und synästhetisch erlebbar zurückkehren.

Entstehung der Bibliotheca Palatina

Die Bibliotheca Palatina (das bedeutet: pfälzische Bibliothek) war in der Renaissance europaweit bekannt, handelte es sich doch um die wichtigste Bibliothek nördlich der Alpen. Berühmt war sie nicht nur wegen ihres Umfangs, sondern auch weil sich unter den Büchern zahlreiche sehr alte, prachtvoll illustrierte und wertvolle Exemplare befanden. Über fast 250 Jahre war sie aus drei Quellen erwachsen, den fürstlichen Sammlungen auf dem Heidelberger Schloss, der Stiftsbibliothek der Heiliggeistkirche und den Bibliotheken der Universität Heidelberg. Viele dieser Bücher stammten aus dem Besitz der pfälzischen Kurfürsten, wurden durch sie angekauft oder eigens für sie hergestellt. Auch Professoren und Magister, die an der Universität in Heidelberg unterrichteten, besaßen eigene Bücher, welche häufig als Erbe an die Universität fielen. Öffentlich zugänglich wurden die Heidelberger Bücherschätze, als sie auf den Doppelemporen der Heiliggeistkirche aufgestellt wurden.

In Heidelberg war bereits im 14. Jahrhundert ein umfangreicher Bücherschatz vorhanden. Lange vor der Gründung der Universität waren hier nicht nur die Klöster im Besitz von Büchern, sondern auch am Hof der Kurfürsten wurde gelesen, geschrieben und Geschriebenes verwahrt. Als 1386 die Universität in Heidelberg ihre Arbeit aufnahm, wuchs auch der Bücherschatz in der Stadt allmählich an. Die Universitätsgründung brachte Magister und Studenten nach Heidelberg, die nach dem Grundstudium an der Artistenfakultät nun die Fächer Theologie, Jura und Medizin studieren konnten. Doch Bücher waren teuer, viele Studenten kauften sie in der Regel nicht selbst, sondern sie schrieben in der Vorlesung mit und bekamen so Zugang zum akademischen Wissen. Eine Universitätsbibliothek gab es anfangs nicht, Bücher befanden sich nur im privaten Besitz der Professoren und Magister. Durch Erbschaft gelangten zahlreiche davon in den Besitz der Universität. Die Universität war indes von Beginn an eng mit Heiliggeist verbunden. Die Gründung der Universität fand im Vorgängerbau der Heiliggeistkirche statt. Wichtige Verordnungen für Studenten und Bürgerschaft wurden an die Kirchentür angeschlagen. Die Finanzierung der Lehrstühle erfolgte durch Pfründe des Stiftes Heiliggeist. Der Schatz sowie wichtige Unterlagen der Universität waren in der Kirche verwahrt. Auch die der Universität vererbten Bücher wurden vor dem großen Umbau der Kirche hier zentral aufbewahrt.
 
Die umfangreiche Umgestaltung der Kirche begann 1398 unter Kurfürst Ruprecht III. und wurde nach dessen Tod von seinem Sohn, dem bibliophilen Kurfürsten Ludwig III. weitergeführt. Dieser entschloss sich 1421, breite Emporen über den beiden Seitenschiffen des Langhauses einzubauen und die Außenmauern zu erhöhen. Diese sollten die Büchersammlung aufnehmen, die Ludwig dem Heiliggeiststift vererben wollte. Er verfügte in seinem Testament, dass neben den Büchern aus einer Schenkung auch seine eigene Bibliothek dort untergebracht und der Universität zur Verfügung gestellt wurde.

Bibliotheca Palatina auf den Emporen

Auf der nördlichen Empore des Langhauses der Heiliggeistkirche wurden nach der Gründung der Bibliothek durch die Stiftung Kurfürst Ludwigs III. von 1421 die Bücher der späteren Bibliotheca Palatina untergebracht. In einem zweiten Testament vermachte der Kurfürst 1436 dem Heiliggeiststift 150 Bücher, die man „zu dem heiligen Geist in einer liberye, die man darin machen wird, legen, und die (man) mit Ketten und Schlössern wohl verwahren und versichern soll… wer darin studieren oder daraus schreiben will, der soll in die liberye gehen“ . Die Bücher sollen in der Heiliggeistkirche aufgestellt und der Universität zur Nutzung zur Verfügung gestellt werden, wobei keines entfernt werden soll, einzig die kurfürstliche Familie durfte sich Bücher ausleihen. Sie sollen „zu ewigen Zeiten“ in der Heiliggeistkirche bleiben. Die Universität bestätigt im Jahr 1438 den Erhalt von 162 Bänden, die in der Bibliothek der Heiliggeistkirche aufgestellt, zusammengekettet und eingeschlossen worden seien. Hier sollten sie für alle Zeiten bleiben und aufbewahrt werden, wie es der Testator Ludwig III. verfügt habe. Ein Verzeichnis dieser Bücher existiert aus dem Jahr 1466, wobei zu diesem Zeitpunkt bereits 20 hauptsächlich medizinische Bücher auf unbekannte Weise verschwunden waren. Der Bestand umfasste damals nur noch 134 Bücher: 80 theologische, 11 juristische, 32 medizinische und 11 Artes-Handschriften (hauptsächlich Astronomie und Astrologie).

Die Bücher bildeten den Grundstock der späteren Bibliotheca Palatina und sind auf der Nordempore der Heiliggeistkirche an fünf Pulten angekettet gewesen. Ein Pult fasste 25-30 Bücher. Sie werden den größten Teil der Empore eingenommen haben. Zur Nordempore führt eine schmale Wendeltreppe, über die man in die Bibliothek gelangen konnte, ohne den Kirchenraum betreten zu müssen. Nachdem die Nordempore für den wachsenden Bestand der Bibliothek nicht mehr genügend Platz bot, wurde auch die tiefer gelegene und hellere Südempore belegt. Mit der Zeit wurde durch die zusätzliche Verwendung von Regalen und Kisten der Platz wesentlich besser genutzt. Der Engländer Coryat spricht 1608 in seinem Reisebericht von zwei schönen großen Räumen. Er beschreibt die Bibliothek so: „It is built over he roofe oft he body of the Church. A place most beautifull, and divided into two very large and stately roomes that are singular well furnished with store of bookes of all faculties“

Die Bibliotheca Palatina ist außer aus der Stiftsbibliothek aus der Schlossbibliothek und den beiden Bibliotheken der Fakultäten (die getrennt für die Artisten und die „oberen“ Fakultäten aufgestellt waren) erwachsen. Die drei Bibliotheken wurden bereits 1466 zusammen katalogisiert. Erst Kurfürst Ottheinrich hat durch seine prägende Persönlichkeit die Bibliotheca Palatina geschaffen. Zwar behielten die Heidelberger Bibliotheken ihre unterschiedlichen Standorte bei, doch bildeten sie de facto eine Einheit. War der Bestand der Büchersammlungen der Universität 1466 noch größer als der des Heiliggeiststiftes, so wuchs die kleine Stiftsbücherei sehr schnell. Am Ende des 15. Jahrhunderts waren bereits 104 Bücher auf fünf Pulten hinzugekommen. Die Entwicklung der Universitätsbüchereien ist dagegen unbekannt, denn es gibt keine Verzeichnisse mehr. Bald schon war der Hauptbestand der Bibliotheca Palatina in der Präsenzbibliothek der Heiliggeistkirche untergebracht, denn es wurden nur noch die Bibliothek in der Heiliggeistkirche sowie Privatbibliotheken einiger Kurfürsten katalogisiert.

Umfang und Pracht der Bibliotheca Palatina

Im Laufe der Zeit wurde die Bibliothek durch Stiftungen der Kurfürsten erweitert. Besonders Kurfürst Ottheinrich, der alle Kurfürsten an Sammelleidenschaft übertraf, erwarb zahlreiche Bibliotheken ehemaliger Klöster, insbesondere des Klosters Lorsch, und ergänzte die Bibliotheca Palatina. Er sorgte auch für einen jährlichen Erwerbungsetat, so dass auf Frankfurter Buchmessen seitdem systematisch Bücher angekauft wurden. Als zudem der zum Protestantismus konvertierte Ulrich Fugger nach Heidelberg übersiedelte, stiftete er der Bibliotheca Palatina zahlreiche Bücher.
 
Ihr Buchbestand wuchs so stetig an und umfasste zuletzt rd. 3700 Handschriften und 13000 Drucke (Stampati Palatini). Zu den berühmtesten Handschriften zählen das Lorscher Evangeliar (Prachthandschrift, aus der Hofschule Karls des Großen, um 800), das Falkenbuch des Stauferkaisers Friedrich II. (Manfred-Codex, Unteritalien, um 1250), der Sachsenspiegel (Heidelberg, um 1300) und das Weltdokumentenerbe Codex Manesse (Zürich, um 1300). Das Spektrum der Bibliothek reichte vom antiken Vergil über Hauptzeugnisse der karolingischen wie der makedonischen Renaissance bis zu äthiopischen Handschriften und chinesischen Drucken. Der überwiegende Teil der Bücher ist auf Deutsch oder Lateinisch geschrieben. Zahlreiche Bücher sind nicht gebunden. Ein Inventar aus dem Jahr 1581 zeigt, dass zu diesem Zeitpunkt über ein Drittel der theologischen Werke von reformatorischen Autoren stammte. Aber auch etwa 250 medizinische Handschriften umfasste die Palatina.
Der reichhaltige Bildschmuck der Handschriften bietet einen repräsentativen Einblick über die thematisch vielschichtige mittelalterliche Buchkunst.

Der Codex Manesse

Kaiser Heinrich VI.
Der Codex Manesse (Codex Palatinus Germanicus 848), auch die Große Heidelberger Liederhandschrift genannt, ist um 1300 in Zürich entstanden (Nachträge bis ca. 1340), wohl im Auftrag der Züricher Ratsherrenfamilie Manesse. Das Buch ist die umfangreichste und berühmteste deutsche Liederhandschrift des Mittelalters. Es besteht aus 426 beidseitig beschriebenen Pergamentblättern (Format 35,5 × 25 cm), geschrieben in gotischen Minuskeln, und wiegt rund sechs Kilogramm. Mehrere Buchmaler und Kalligrafen haben daran mitgewirkt. Es hat heute einen Versicherungswert von 80 Mio €.
 
Der Codex Manesse ist eines der Schlüsselzeugnisse für die Literatur und Kultur der Stauferzeit. Die ältesten Texte reichten bis in die Mitte des 12. Jahrhundert zurück. Der Codex überliefert die mittelhochdeutsche Lyrik in ihrer gesamten Gattungsvielfalt und enthält sowohl Minnegesang als auch didaktische und religiöse Lyrik (wobei die Melodien fehlen). Einige Autoren des Codex Manesse sind nur aus dieser Überlieferung bekannt. Ohne die Große Heidelberger Liederhandschrift wären sie und ihr Werk heute verloren. Der Codex enthält 137 Dichtersammlungen und umfasst rd. 6000 Strophen. Die einzelnen Sammlungen werden durch ein ganzseitig illuminiertes Porträt des Autors eingeleitet, welches freilich stilisiert ist. Die Autoren sind nach ihrem sozialen Stand geordnet: Der Codex beginnt mit dem staufischen Kaiser Heinrich VI. (1165-1197), einem Sohn Barbarossas. Er sitzt auf einen Thron, hält in der Rechten ein Zepter und in der Linken ein Schriftband als Symbol seiner Gelehrsamkeit, welches wie ein A geformt ist. Es folgt ein weiterer staufischer Herrschern, König Konrad IV., und dann folgen Fürsten, Herren und zuletzt Meister. Neben Walther von der Vogelweide finden sich zahlreiche weitere Dichter wie Hartmann von Aue, der Kürrenberger, Gottfried von Straßburg, Bligger von Steinach oder Wolfram von Eschenbach.
Herr Walter von der Vogelweide
Die Dichterporträts erzählen viel über das mittelalterliche Leben und die damalige Zeit. Es sind Turnier- und Kriegsszenen zu sehen, genauso wie Jäger, Musiker mit ihren Instrumenten, Menschen beim Brettspiel, auf dem Krankenbett oder beim Schäferstündchen. Wirkungsgeschichtlich hatten diese Illustrationen einen weltweiten Einfluss auf das Bild des abendländischen Mittelalters.

Der Codex ist das wichtigste Literaturzeugnis über die Entdeckung der Liebe im hohen Mittelalter und die Macht der Minne. In ihm ist der staufische wie auch der nachklassische Minnesang in einzigartiger und unerreichter Fülle versammelt. Die literarische Entdeckung der Liebesthematik resultierte einerseits aus der Rezeption romanischer Vorbilder und antiker Literatur, vor allem Ovid. Andererseits folgte sie einer im religiösen Bereich seit dem 11. Jahrhundert fassbaren Emotionalisierung und Individualisierung der Beziehung des Menschen zu Gott, insbesondere in der Mystik.

1607 kam der Codex nach Heidelberg, mutmaßlich war er schon einmal früher im Besitz des Heidelberger Kurfürstenhofs gewesen. Der Codex Manesse wird das Prunkstück der Bibliotheca Palatina. Der Verschleppung der Bibliothek im 30jährigen Krieg entging der Codex Manesse freilich. Vermutlich hat ihn die kurfürstliche Familie auf ihrer Flucht mitgeführt und mit ins Exil genommen. Die Kurfürstenwitwe Elisabeth Stuart wird ihn wohl später aus ökonomischen Zwängen verkauft haben. Zumindest befindet sich der Codex Manesse ab Mitte des 17. Jahrhunderts im Besitz der Königlichen Bibliothek in Paris. Von dort wird er in einem komplizierten Tausch- und Geldgeschäft zurückerworben und kommt 1888 wieder nach Heidelberg. Er wird heute im Tresor der Universitätsbibliothek sicher verwahrt.

Im Mai 2023 wurde der Codex Manesse von der UNESCO in ihrer Liste des Weltdokumentenerbes aufgenommen.

Das Falkenbuch des letzten Stauferkaisers

Kaiser Friedrich II. mit seinem Falken auf der zweiten Seite der Manfred-Handschrift
Im Nibelungenlied träumt die schöne Kriemhild, dass sie einen starken, schönen und wilden Falken zähme. Dieser wird aber von zwei Adlern zerrissen, was für sie das Schlimmste war, was sie je hat mit ansehen müssen. Ihre Mutter deutet der Ratlosen den Traum: Der Falke stehe für den starken Ritter, den sie zum Gatten nehmen werde. Kriemhilds Traum ist indes ein böses Omen, denn der von zwei Adlern geschlagene und zerfleischte Falke deutet die heimtückische Ermordung ihres künftigen Gatten Siegfried durch Hagen und Gunther voraus. Der Falke wird hier als Metapher des Geliebten verwendet, überhaupt nahmen Falken in der höfischen Symbolwelt des Mittelalters einen außergewöhnlichen Platz ein. Galt die Jagd von wilden Tieren ohne die Notwendigkeit der Nahrungsgewinnung schon als Vorrecht des Hochadels, so war die Falkenjagd geradezu die Verkörperung und der Inbegriff der höfischen Lebensart.
 
Der letzten Stauferkaiser Friedrich II. (1194-1250) war einer der mächtigsten Männer des Mittelalters und zugleich ein Naturwissenschaftler ersten Ranges, deshalb nannte man ihn "das Staunen der Welt". Dreißig Jahre lang beobachte er die Vogelwelt und verfasste zwischen 1241 und 1248 ein epochales Lehrbuch der Falkenjagd. Der ausführliche Werktitel lautet: "Das Buch des göttlich Erhabenen, Friedrichs des Zweiten, des Kaisers der Römer, des Königs von Jerusalem und Sizilien, über die Kunst mit Vögeln zu jagen, das unterteilend und erforschend die Wirkung der Natur bei der Jagd mit Vögeln offenbart." Das Falkenbuch mit 500 Vogel-Miniaturen, 900 colorierte Einzelszenen und einer fachkundigen Beschreibung des Wanderfalken ist das ausführlichste Werk des Mittelalters zur Vogeljagd  und das bis dato umfassendste Buch zur Ornithologie. Es ist bis auf den heutigen Tag für die Falknerei von Bedeutung und will die Beizjagd mit Greifvögeln als eine Wissenschaft darstellen. Friedrich stellt seine eigene Erfahrung über die im Hochmittelalter unantastbare Autorität des Aristoteles und hat die Intention, so schreibt er, "die Dinge sichtbar zu machen, die sind, so wie sie wirklich sind" (1 v). Durch den Forscherdrang Friedrichs und seinen kritischen, weltoffenen Geist wird das Falkenbuch für die abendländische Naturwissenschaft zu einem ihrer Schlüsselwerke.
 
Faksimile des Falkenbuchs auf der Südempore der Heiliggeistkirche
Die Originalhandschrift Friedrichs II. ging in der Schlacht von Parma 1248 verloren. Im Zweitexemplar seines Sohnes König Manfred (1232-1266) sind zwei der sechs Bücher aus Friedrichs Exemplar erhalten geblieben. Der 1. Teil enthält eine Ornithologie, der 2. Teil handelt über die Falkenjagd. Die Manfred-Handschrift befand sich in der Bibliotheca Palatina (Codex Palatinus Latinus 1071). Das Falkenbuch besticht nicht nur mit wissenschaftlicher Genauigkeit und einer ungeheuerlichen Informationsfülle, sondern die Manfred-Prachthandschrift erlangte insbesondere Berühmtheit, weil sie mit ihren in leuchtenden Farben kolorierten Illustrationen ein Glanzlicht der Buchkunst mit einzigartigem kunsthistorischem Rang darstellt. Sie gelangte als Beutekunst des Dreißigjährigen Krieges in den Vatikan und befindet sich noch heute dort.

Verschleppung der Bibliotheca Palatina

Indem der protestantische Kurfürst Friedrich V., der Winterkönig, nach der böhmischen Krone griff, löste er den katastrophalsten und folgenreichsten Krieg der Neuzeit aus, den 30jährigen Krieg. Drei Jahrzehnte lang brachte er Finsternis über Deutschland und die Nachbarstaaten: Krieg, Hunger und Pest. Die Kurpfalz traf es besonders hart, über die Hälfte der Bevölkerung starb.
Seit 1620 lebte Friedrich seiner Kurwürde enthoben im Exil in den Niederlanden. Er hatte von dort aus den Befehl gegeben, das in Heidelberg befindliche Archiv und die Heidelberger Buchbestände vor den herannahenden katholischen Truppen in Sicherheit zu bringen. Das Archiv war nach Frankfurt gebracht worden. Für die Bibliothek hatte der hugenottische Duc de Bouillon im Februar 1622 die Aufbewahrung in der Festung Sedan angeboten. Bevor Friedrich dieses Angebot annehmen und die Evakuierung anordnen konnte, eroberten im Herbst 1622 katholische Truppen unter Tilly die Residenzstadt.

Papst Gregor XV. reklamierte die Bibliotheca Palatina als Kriegsbeute und ließ sie 1623 in den Vatikan überführen. Zu Sichtung und zum Transport der Buchbestände wurde der päpstliche Gesandte Leo Allacci entsandt. Er hatte von Rom detaillierte Anweisungen erhalten, sollte jeden Winkel der Kirche durchstöbern, wo Bücher und Schriften zu vermuten seien, und alles abtransportieren, „ohne auch nur das winzigste Blatt zu übersehen“. Die Heidelberger Bevölkerung leistete dabei passiven Widerstand: Kein Schreiner der Stadt wollte Bretter liefern, kein Seiler Stricke. Allacci musste sich Packtuch, Stricke, Nägel, Stroh und Dichtungsmaterial aus den Nachbarstädten besorgen. Aus den Pulten und Schränken der Bibliothek ließ er Kisten zimmern. Die Bücher und Handschriften wurden schließlich in 186 Kisten verpackt, mit Seilen von den Emporen der Kirche heruntergelassen, verließen am 14. Februar 1623 Heidelberg und wurden zunächst zum bayerischen Kurfürst Maximilian nach München transportiert. Von dort ging die wertvolle Fracht auf Mauleseln über die Alpen nach Rom in die Vatikanische Bibliothek, wo sie im August 1623 ankamen. Nach Rom gelangten nicht nur die in der Kirche aufgestellten Bücher, sondern auch die Bücher der Artistenfakultät und die auf dem Schloss verbliebenen Bestände. Die Handschriften und Druckschriften sind zum größten Teil noch heute in der Vatikanischen Bibliothek.

Die Wegführung des Heidelberger Bücherschatzes durch die Truppen Tillys wurde systematisch betrieben und hatte nicht nur ökonomische Gründe. Er war ein Akt der kulturell-religiösen Kriegsführung im Dreißigjährigen Krieg, denn die Bibliotheca Palatina galt als evangelisches Schwert des Geistes. Papst Gregor XV. drückt dies in einem Brief, den er an den bayrischen Herzog Maximilian nach der Einnahme Heidelberg 1622 richtetet, klar aus: „Wer erkennt nicht, dass du durch dein Verlangen, die an einer wunderbaren Fülle von Werken reiche Bibliotheca Palatina aus jenen Gauen wegzuschaffen, um sie mit der Vaticana zu vereinigen, den ruchlosen Händen der Ketzer die zweischneidigen Schwerter entwindest, welche jene Väter der Lüge und Bekenner verwerflicher Glaubenssatzungen, ohne Unterlass zur Vernichtung der Heilswahrheiten zücken. Die Waffen, die dort in Heidelberg der Gottlosigkeit der Ketzer zum Angriff dienen, werden hier zur Verteidigung des heiligen katholischen Glaubens benützt werden“. Mit "Ketzer“ und "Väter der Lüge" bezeichnet Gregor die Protestanten.

Versuche ihrer Rückgewinnung

Es gab schon früh Restitutionsforderungen. Indes haben die seit dem 17. Jahrhundert meist vergeblichen Bemühungen, die Heidelberger Bibliotheksbestände aus Rom zurückzuerhalten, nur zu Teilerfolgen geführt. Im 18. Jahrhundert gelangten einige Abschriften von Rom nach Mannheim; 1815 kamen griechische und lateinische Handschriften nach Heidelberg zurück, die Napoleon von Rom nach Paris überführt hatte. Die Hoffnung auf eine Rückgabe des gesamten Bestandes erfüllte sich jedoch nicht: Nur die 847 deutschen Handschriften wurden 1816 nach Verhandlungen im Umfeld des Wiener Kongresses an die Heidelberger Universitätsbibliothek zurückgegeben.

Zum 500jährigen Jubiläum der Heidelberger Universität im Jahr 1886 überreichte ein Abgesandter des Papstes in Heidelberg lediglich schön eingebundene Kataloge der Handschriften und Drucke der Bibliotheca Palatina. 2030 lateinische, 431 griechische und 432 hebräische Handschriften sowie orientalische Handschriften in weiteren Sprachen wie Arabisch oder Äthiopisch und die 13000 Druckschriften der Bibliotheca Palatina sind bis heute in den Tresoren der Bibliotheca Apostolica Vaticana in Rom streng verschlossen.
Hundert Jahre später, 1986 zum 600. Gründungsjubiläum der Universität, kamen die wichtigsten Werke der Bibliotheca Palatina für eine epochale Ausstellung an ihren ursprünglichen Standort zurück: auf die Nord- und Südempore der Heiliggeistkirche. Die Ausstellung sahen über 280000 Besucher. Sie war die erfolgreichste Bibliotheksausstellung aller Zeiten.

Digitalisierungsprojekt der Bibliotheca Palatina

Ein großes Digitalisierungsprojekt macht inzwischen eine öffentliche Nutzung der Buchbestände der Bibliotheca Palatina möglich. Das Digitalisierungsprojekt begann im Jahr 2006 bis 2009 in Heidelberg mit der Digitalisierung der deutschsprachigen Codices. Es wurde anschließend im Jahr 2010 bis 2019 mit der Bibliotheca Apostolica Vaticana in Rom weitergeführt. Durch dieses Digitalisierungsprojekt ist die Bibliotheca Palatina nach jahrhundertelanger Teilung seit dem Wiener Kongress virtuell wiedervereint worden. Dazu hat die Universitätsbibliothek Heidelberg nicht nur die deutschsprachigen Handschriften in ihrem eigenen Bestand digitalisiert, sondern auch alle lateinischen Codices, die seit 400 Jahren hinter den Mauern des Vatikans verschlossen liegen. Neben allen deutschsprachigen und lateinischen Codices sind inzwischen auch 423 griechische, rund 265 hebräische Handschriften und 20 Handschriften in verschiedenen Sprachen digitalisiert, deren Originale sich im Vatikan und in der Universitätsbibliothek Heidelberg befinden. Der nunmehr digitalisierte Kernbestand umfasst rund 3.000 Handschriften. Diese sind bis in die Gegenwart für eine Vielzahl von Wissenschaftsdisziplinen interessant.
Auf den Internetseiten der Universitätsbibliothek sind diese Handschriften heute allgemein zugänglich

Vision einer Dauerausstellung zur Bibliotheca Palatina

Es ist geplant, dass die Bibliotheca Palatina durch eine Dauerausstellung am Ursprungsort auf den Emporen der Heiliggeistkirche digital und synästhetisch erlebbar zurückkehren soll. Die Ausstellung möchte einer breiteren Öffentlichkeit außerhalb der Wissenschafts-Community die Bedeutung der Bibliotheca Palatina ins Heute übersetzen und mit moderner Ausstellungstechnik und digitalen Mitteln sinnlich erfahrbar machen.