Popansprachen
Unser Taylor Swift-Gottesdienst im Mai 2024 sorgte für internationales Aufsehen. Er steht in einer Reihe Themen-Gottesdienste zu Pop-Ikonen wie etwa Madonna, Bob Dylan, Leonard Cohen, Queen und Adele. Die Ansprachen dieser Pop-Gottesdienste finden sich in Auswahl in diesem Archiv.
Kirchengemeinden und Citykirchen erhalten auf Anfrage an heiliggeist@ekihd.de gern die zugehörigen Liturgien.
„Anti Hero“ - Taylor Swift-Gottesdienst
Vincenzo Petracca, 12.05.2024, Heiliggeistkirche Heidelberg
Vorrede
Wir feiern einen Gottesdienst mit Popmusik, nicht ein Event oder ein Konzert. Es geht uns in diesem Gottesdienst nicht darum, Taylor Swift heiligzusprechen. Wir Evangelische kennen gar keine Heiligen. Bewusst haben wir den Titel „Anti Hero“ für den Gottesdienst gewählt, nach einem sehr intimen Song von ihr. Sie selbst sagt: „Der Song ist eine kleine Führung durch alle Dinge, die ich an mir hasse“. Im Lied schaut sie auf die Monster, die sie in sich trägt. Doch, worum geht es dann in diesem Gottesdienst? Es geht um die Lieder von Taylor Swift, um ihr Verhältnis zum Christentum, um ihre Spiritualität.
Ansprache 1 – Einführung zu Taylor Swift
Taylor Swift ist der wirkmächtigste Popstar unserer Zeit. Mit ihren nur 34 Jahren räumt sie unzählige Preise ab und stellt immer neue Rekorde auf. Sie ist Pop- und Country-Sängerin, Gitarristin, Songschreiberin, Musikproduzentin und Schauspielerin. Eine riesige, eingeschworene Fangemeinde schart sie um sich, die sich die „Swifties“ nennt. Bei ihren Konzerten bebt schonmal die Erde, und das auch wortwörtlich: Als in Seattle 70.000 Swifties zum Takt ihrer Musik tanzten und vor lauter Freude frenetisch hüpften, wurde sogar ein kleines Erdbeben der Stärke 2,3 auf der Richterskala gemessen. Über 280 Millionen Follower auf Instagram und musikalische Milliardenumsätze verschaffen ihr Einfluss. Man hält sie für so mächtig, die amerikanischen Präsidentschafts-Wahlen beeinflussen zu können. Indes, nicht alle finden gut, dass sie ihren Einfluss bewusst politisch nutzt. Ökologisch kontrovers wird auch ihr exzessives Flugverhalten diskutiert. Sie ist sich dessen freilich bewusst und kompensiert einen Teil der Flugemissionen.
Wir feiern einen Gottesdienst mit Popmusik, nicht ein Event oder ein Konzert. Es geht uns in diesem Gottesdienst nicht darum, Taylor Swift heiligzusprechen. Wir Evangelische kennen gar keine Heiligen. Bewusst haben wir den Titel „Anti Hero“ für den Gottesdienst gewählt, nach einem sehr intimen Song von ihr. Sie selbst sagt: „Der Song ist eine kleine Führung durch alle Dinge, die ich an mir hasse“. Im Lied schaut sie auf die Monster, die sie in sich trägt. Doch, worum geht es dann in diesem Gottesdienst? Es geht um die Lieder von Taylor Swift, um ihr Verhältnis zum Christentum, um ihre Spiritualität.
Ansprache 1 – Einführung zu Taylor Swift
Taylor Swift ist der wirkmächtigste Popstar unserer Zeit. Mit ihren nur 34 Jahren räumt sie unzählige Preise ab und stellt immer neue Rekorde auf. Sie ist Pop- und Country-Sängerin, Gitarristin, Songschreiberin, Musikproduzentin und Schauspielerin. Eine riesige, eingeschworene Fangemeinde schart sie um sich, die sich die „Swifties“ nennt. Bei ihren Konzerten bebt schonmal die Erde, und das auch wortwörtlich: Als in Seattle 70.000 Swifties zum Takt ihrer Musik tanzten und vor lauter Freude frenetisch hüpften, wurde sogar ein kleines Erdbeben der Stärke 2,3 auf der Richterskala gemessen. Über 280 Millionen Follower auf Instagram und musikalische Milliardenumsätze verschaffen ihr Einfluss. Man hält sie für so mächtig, die amerikanischen Präsidentschafts-Wahlen beeinflussen zu können. Indes, nicht alle finden gut, dass sie ihren Einfluss bewusst politisch nutzt. Ökologisch kontrovers wird auch ihr exzessives Flugverhalten diskutiert. Sie ist sich dessen freilich bewusst und kompensiert einen Teil der Flugemissionen.
Zum größten Popstar des Planeten stieg sie erst im Laufe des letzten Jahres auf. Mit ihrem Album „Midnights“ stürmte sie gleichzeitig die ersten zehn Plätze der US-Billboard-Charts. Sie schrieb im Februar Grammy-Geschichte, als sie mit diesem Album zum vierten Mal den Grammy für das Album des Jahres gewann. Das ist bisher noch keinem Künstler und keiner Künstlerin gelungen. Ihre Musik und Texte berühren unmittelbar die Herzen der Menschen. Das „Time“-Magazin kürte sie daher im Dezember zur Person des Jahres mit der Begründung: Sie habe in einem schwierigen Jahr voller Spaltung und Dunkelheit „einen Weg gefunden, Grenzen zu überwinden und eine Quelle des Lichts zu sein“.
Ansprache 2 – Leben von Taylor Swift
Taylor Swift stammt aus Pennsylvania. Ihrem Geburtsjahr hat sie ein Album gewidmet: 1989. Als Teenagerin bewegte sie ihre Familie nach Nashville zu ziehen, in die Heimatstadt des Country. Wenn es um Musik geht, ist Taylor äußerst durchsetzungsfähig. Sie wollte Musikkarriere machen und wurde tatsächlich mit 14 Jahren entdeckt. Später verkaufte ihr Manager die Rechte an den Originalaufnahmen nicht ihr, sondern anderweitig. Das war für sie eine Katastrophe, denn der neue Manager schränkte ihr die Nutzung der eigenen Musik ein. Damit verlor sie die künstlerische Kontrolle über ihr eigenes Schaffenswerk. Sie war nicht bereit dies hinzunehmen. Es fiel ihr eine kreative Lösung ein. Da die Urheberrechte weiterhin bei ihr lagen, nahm sie ihre Lieder einfach noch einmal auf. Die Neuaufnahmen, die weitgehend werkgetreu sind, versah sie mit dem Zusatz „Taylor’s Version“. Es war ein Akt künstlerischer Selbstermächtigung. Taylor ist eine Frau, die sich in der Männerwelt durchzusetzen weiß. Ihre Ex fürchten ihre musikalischen Abrechnungen. Nachdem sie öffentlich gemacht hatte, dass ein Radio-DJ sexuell übergriffig geworden war, verklagte sie der DJ auf eine millionenschwere Entschädigung. Sie ließ das nicht auf sich sitzen und beantworte dies mit einer cleveren Gegenklage. Weil Frauen in den USA in solchen Fällen oft finanzielle Interessen unterstellt werden, forderte sie nur eine symbolische Strafe von einem Dollar. Nachdem sie vor Gericht Recht bekommen hatte, erklärte sie: „Meine Hoffnung ist es, denen zu helfen, deren Stimmen ebenfalls gehört werden sollten“.
Ansprache 3: Taylor Swifts politisches Christentum
Taylor Swift kommt aus einem christlichen Elternhaus. Sie ging in einen katholischen Kindergarten, der von Franziskaner-Schwestern betrieben wurde. Sie erzählte in einem Interview: „Meine Mutter nahm mich jeden Sonntag in die Kirche mit. Wir beteten vor dem Essen. Das war das feste Programm, das wir hatten“. Als Teenagerin wuchs sie in Nashville, Tennessee, auf, im Herzen des Bibelgürtels. Die Region der USA ist von christlich-konservativen Werten geprägt. Im Bibelgürtel ist Religion von Politik, Kultur und Alltag schwer zu trennen. Diese Umgebung hat Taylor religiös geprägt. Sie verwendet daher ganz selbstverständlich christliche Sprache und Motive in ihren Liedern. So auch in ihrem letzten Album. Aus evangelikalen Kreisen kommt der Vorwurf, dass sie in dem Album den Glauben kritisiere. Beleg soll ein Vers des Lieds „But Daddy I Love Him“ sein. Dieser ist freilich aus dem Zusammenhang gerissen. Taylors Sprache und Bilder sind nicht immer einfach zu interpretieren. Aber genau diese Offenheit macht große Lyrik aus. Dieses Lied wendet sich nicht grundsätzlich gegen den Glauben. Vielmehr kritisiert Taylor einen heuchlerischen Glauben, dem Dogmen wichtiger sind als Menschlichkeit und Nächstenliebe.
Ansprache 2 – Leben von Taylor Swift
Taylor Swift stammt aus Pennsylvania. Ihrem Geburtsjahr hat sie ein Album gewidmet: 1989. Als Teenagerin bewegte sie ihre Familie nach Nashville zu ziehen, in die Heimatstadt des Country. Wenn es um Musik geht, ist Taylor äußerst durchsetzungsfähig. Sie wollte Musikkarriere machen und wurde tatsächlich mit 14 Jahren entdeckt. Später verkaufte ihr Manager die Rechte an den Originalaufnahmen nicht ihr, sondern anderweitig. Das war für sie eine Katastrophe, denn der neue Manager schränkte ihr die Nutzung der eigenen Musik ein. Damit verlor sie die künstlerische Kontrolle über ihr eigenes Schaffenswerk. Sie war nicht bereit dies hinzunehmen. Es fiel ihr eine kreative Lösung ein. Da die Urheberrechte weiterhin bei ihr lagen, nahm sie ihre Lieder einfach noch einmal auf. Die Neuaufnahmen, die weitgehend werkgetreu sind, versah sie mit dem Zusatz „Taylor’s Version“. Es war ein Akt künstlerischer Selbstermächtigung. Taylor ist eine Frau, die sich in der Männerwelt durchzusetzen weiß. Ihre Ex fürchten ihre musikalischen Abrechnungen. Nachdem sie öffentlich gemacht hatte, dass ein Radio-DJ sexuell übergriffig geworden war, verklagte sie der DJ auf eine millionenschwere Entschädigung. Sie ließ das nicht auf sich sitzen und beantworte dies mit einer cleveren Gegenklage. Weil Frauen in den USA in solchen Fällen oft finanzielle Interessen unterstellt werden, forderte sie nur eine symbolische Strafe von einem Dollar. Nachdem sie vor Gericht Recht bekommen hatte, erklärte sie: „Meine Hoffnung ist es, denen zu helfen, deren Stimmen ebenfalls gehört werden sollten“.
Ansprache 3: Taylor Swifts politisches Christentum
Taylor Swift kommt aus einem christlichen Elternhaus. Sie ging in einen katholischen Kindergarten, der von Franziskaner-Schwestern betrieben wurde. Sie erzählte in einem Interview: „Meine Mutter nahm mich jeden Sonntag in die Kirche mit. Wir beteten vor dem Essen. Das war das feste Programm, das wir hatten“. Als Teenagerin wuchs sie in Nashville, Tennessee, auf, im Herzen des Bibelgürtels. Die Region der USA ist von christlich-konservativen Werten geprägt. Im Bibelgürtel ist Religion von Politik, Kultur und Alltag schwer zu trennen. Diese Umgebung hat Taylor religiös geprägt. Sie verwendet daher ganz selbstverständlich christliche Sprache und Motive in ihren Liedern. So auch in ihrem letzten Album. Aus evangelikalen Kreisen kommt der Vorwurf, dass sie in dem Album den Glauben kritisiere. Beleg soll ein Vers des Lieds „But Daddy I Love Him“ sein. Dieser ist freilich aus dem Zusammenhang gerissen. Taylors Sprache und Bilder sind nicht immer einfach zu interpretieren. Aber genau diese Offenheit macht große Lyrik aus. Dieses Lied wendet sich nicht grundsätzlich gegen den Glauben. Vielmehr kritisiert Taylor einen heuchlerischen Glauben, dem Dogmen wichtiger sind als Menschlichkeit und Nächstenliebe.
Doch, wie sieht ihr eigener christlicher Glaube aus? Dazu müssen wir uns auf Spurensuche begeben. Während eines Großteils ihrer Karriere war Taylor unpolitisch. Manche warfen ihr das vor. Donald Trump war jahrelang ein großer Swiftie. Für die Trump-Anhänger und -Anhängerinnen war die Sängerin ein Traum: Eine weiße Christin, die mit Country-Musik berühmt geworden ist und ein skandalfreies Leben führte. Doch dann verwandelte sie sich zum Alptraum. Sie griff 2018 in die Lokalpolitik in Tennessee ein. Eine ultrarechte Trump-Kandidatin machte Wahlkampf mit einer frauen- und queerfeindlichen Politik. Sie begründete dies mit den "christlichen Tennessee-Werten". Taylor bezog dagegen Stellung. Ihr öffentliches Bekenntnis als Christin ging einher mit einem Coming-Out als Demokratin. Sie sagte: „Ich lebe in Tennessee. Ich bin Christin. Dafür stehen wir nicht.“ Dies war zugleich eine Wende zum politischen Christentum. Taylor setzte sich in der Folge für die Rechte Homosexueller ein und avancierte zur Ikone der queeren Bewegung. Aus diesem Grund wird sie in evangelikalen Kreisen stark angefeindet, manche verteufeln sie gar. Nachdem die Sängerin sich als Demokratin geoutet hatte, twitterte der damalige Präsident Trump enttäuscht, er möge ihre Musik nun „etwa 25 Prozent weniger“. Als dieser dann drohte, die Proteste nach dem rassistischen Mord von George Floyd mit Waffengewalt niederzuschlagen, wandte sie sich direkt an ihn mit einer Kampfansage: „Nachdem Sie während Ihrer gesamten Präsidentschaft (...) Rassismus geschürt haben, erdreisten Sie sich, moralische Überlegenheit vorzutäuschen, bevor Sie mit Gewalt drohen? (...) Wir werden Sie im November abwählen.“ So kam es auch. Mit großer Spannung wird erwartet, wie deutlich sie sich in die Präsidentschaftswahlen im Herbst einmischt. In einigen engumkämpften US-Bundesstaaten könnte sie das Zünglein an der Waage sein.
Taylor Swift lebt ein politisches Christentum. Theologisch gesprochen verweist sie auf die Gerechtigkeit Gottes. Glaube und Tun sind bei ihr untrennbar verbunden. Sie tritt für die Rechte von Homosexuellen, für Geschlechtergerechtigkeit und für Gewaltfreiheit ein. Da sind wir als Heiliggeistkirche ganz bei ihr. Wir stehen für eine offene Gesellschaft, die von Respekt und Wertschätzung für alle Menschen geprägt ist.
Ansprache 4: Religion in Taylor Swifts Texten
Taylor Swift gilt als die Songwriterin ihrer Generation. Ihre Texte machen Gefühle greifbar und erlauben einen tiefen Blick in ihre Seele. Schutzlos zeigt sie ihre Emotionen und Verletzlichkeit. Sie selbst bezeichnet ihre Songtexte als tagebuchartig. Im Folgenden werden wir in ihre Texte eintauchen. Sie verraten etwas über ihre persönliche Spiritualität.
Im Lied „Christmas Must Be Something More“ fragt sie:
Was wäre, wenn Gott es an Weihnachten nie schneien ließe?
Was wäre, wenn Weihnachtslieder eine Lüge erzählten?
Was wäre, wenn alle Geschenke verschwänden?
Sag mir, was würdest du vorfinden?
Das Symbol des Christbaums hat die junge Taylor immer umgeben. Die Familie lebte auf einer 6 Hektar großen Plantage für Weihnachtsbäume, die der Vater betrieb. Sie betont immer wieder, dass ihre schönsten Kindheitserinnerungen und ihre Liebe zum Weihnachtsfest aus dieser Zeit stammen. Freilich ist weihnachtliches Gefühl nicht alles. In dem Lied „Christmas Must Be Something More“ schaut sie kritisch auf Weihnachten. Sie reflektiert die mannigfaltige Art und Weise, wie dieses Fest in der Konsumgesellschaft seine Bedeutung verloren hat. Es geht ihr darum, dass Weihnachten mehr sein muss. Im Refrain singt sie: Der heutige Weihnachtstag ist etwas Besonderes, etwas Heiliges, nicht Oberflächliches. Es geht um das Geburtstagskind, dass uns unser Leben gerettet hat. Der Song steigert sich, bis sie zum Schluss explizit ausspricht: Weihnachten „dreht sich um Jesus Christus, der unser Leben rettete. Das ist etwas, das wir alle versuchen zu ignorieren.“ Das Lied zitiert dabei die Weihnachtsgeschichte nach Lukas; dort heißt es nach der Geburt Jesu in der Stadt Davids, gemeint ist Bethlehem (Lk 2,11): „Heute ist euch in der Stadt Davids der Retter geboren“.
Was wäre, wenn Gott es an Weihnachten nie schneien ließe?
Was wäre, wenn Weihnachtslieder eine Lüge erzählten?
Was wäre, wenn alle Geschenke verschwänden?
Sag mir, was würdest du vorfinden?
Das Symbol des Christbaums hat die junge Taylor immer umgeben. Die Familie lebte auf einer 6 Hektar großen Plantage für Weihnachtsbäume, die der Vater betrieb. Sie betont immer wieder, dass ihre schönsten Kindheitserinnerungen und ihre Liebe zum Weihnachtsfest aus dieser Zeit stammen. Freilich ist weihnachtliches Gefühl nicht alles. In dem Lied „Christmas Must Be Something More“ schaut sie kritisch auf Weihnachten. Sie reflektiert die mannigfaltige Art und Weise, wie dieses Fest in der Konsumgesellschaft seine Bedeutung verloren hat. Es geht ihr darum, dass Weihnachten mehr sein muss. Im Refrain singt sie: Der heutige Weihnachtstag ist etwas Besonderes, etwas Heiliges, nicht Oberflächliches. Es geht um das Geburtstagskind, dass uns unser Leben gerettet hat. Der Song steigert sich, bis sie zum Schluss explizit ausspricht: Weihnachten „dreht sich um Jesus Christus, der unser Leben rettete. Das ist etwas, das wir alle versuchen zu ignorieren.“ Das Lied zitiert dabei die Weihnachtsgeschichte nach Lukas; dort heißt es nach der Geburt Jesu in der Stadt Davids, gemeint ist Bethlehem (Lk 2,11): „Heute ist euch in der Stadt Davids der Retter geboren“.
Ein Lied mit einer klaren Message. Ein Bekenntnis zu Jesus dem Retter. Aber Taylor singt auch von Fragen und Zweifeln. Am deutlichsten in einem Lied, das sie niemals veröffentlichte. Allerdings fand eine geleakte Version den Weg ins Internet. Nach den Terroranschlägen am 11. September schrieb sie ein Lied hierüber. Es hat den Titel „Didn’t They“. Im Refrain fragt sie Gott mit Blick auf die Opfer:
„Wo warst du? Haben sie nicht auch gebetet?“
Viele von uns kennen diese oder ähnliche Fragen. Überraschend endet das Lied, indem die Sängerin erzählt, dass sie mit einem Kreuz um den Hals zur Schule geht und sich täglich der Terroropfer erinnert. Sie schwört also nicht dem Glauben ab, sondern bleibt bei allen Zweifeln bei dem, dessen Kreuz sie um den Hals trägt. Das Kreuz ist zugleich ein versteckter Hinweis und spannt den Bogen zur Bibel. Wie die Sängerin rief doch Jesus selbst nach der Bibel am Kreuz: Wo bist du mein Gott? Warum hast du mich verlassen? Aber der Himmel antwortete auch Jesus nicht.
Ich glaube: Es gibt Fragen ohne Antworten in unserem Leben. Erfahrungen ohne Sinn. Zumindest werden wir im Leben nie einen Sinn ergründen. Leider. Manch Schweres muss man aus- und durchhalten. Manche dunkle Erfahrung muss man stehen lassen, ohne ein Warum zu hören.
Viele von uns kennen diese oder ähnliche Fragen. Überraschend endet das Lied, indem die Sängerin erzählt, dass sie mit einem Kreuz um den Hals zur Schule geht und sich täglich der Terroropfer erinnert. Sie schwört also nicht dem Glauben ab, sondern bleibt bei allen Zweifeln bei dem, dessen Kreuz sie um den Hals trägt. Das Kreuz ist zugleich ein versteckter Hinweis und spannt den Bogen zur Bibel. Wie die Sängerin rief doch Jesus selbst nach der Bibel am Kreuz: Wo bist du mein Gott? Warum hast du mich verlassen? Aber der Himmel antwortete auch Jesus nicht.
Ich glaube: Es gibt Fragen ohne Antworten in unserem Leben. Erfahrungen ohne Sinn. Zumindest werden wir im Leben nie einen Sinn ergründen. Leider. Manch Schweres muss man aus- und durchhalten. Manche dunkle Erfahrung muss man stehen lassen, ohne ein Warum zu hören.
Taylor kennt Schweres aus ihrem familiären Umfeld. Heute ist Muttertag und sie sagte einmal: „Wir alle lieben unsere Mütter, für uns alle sind Mütter wichtige Menschen… Aber für mich ist meine Mutter wirklich der Fels in der Brandung. Fast jede Entscheidung, die ich treffe, bespreche ich mit ihr.“ Die Krebserkrankung ihrer Mutter traf sie entsprechend hart. 2019 schrieb sie ein Lied für ihre Mutter und den Kampf gegen den Krebs. Es heißt „Soon You'll Get Better“. Berührend drückt sie darin ihre Verletzlichkeit, Ängste und Hoffnungen aus, die ganze Achterbahn ihrer Gefühle. Sie beschreibt ihr Vertrauen auf die orangefarbenen Medikamente und die Medizin geradezu in religiöser Sprache.
Es heißt da: „Heilige orangene Flaschen, jede Nacht bete ich zu euch.“ Allerdings ist ihr Glaube an die Medizin nicht ungebrochen. Im nächsten Vers singt sie davon, dass sie jede Nacht zu Jesus betet: „Verzweifelte Menschen finden Kraft im Glauben, deshalb bete ich jetzt auch zu Jesus." Beide Liedverse widersprechen sich nicht, sondern müssen gemeinsam interpretiert werden: Taylor glaubt, dass Gott durch die Kraft der Medizin ihre Mutter gesund machen kann. Zugleich betet sie jede Nacht zu Jesus. Sie bittet für ihre Mutter. Aber auch für sich selbst: Die verzweifelte Taylor sucht Kraft und Halt im Gebet.
Wir sahen: Taylor Swift ist bekennende Christin. Ihr Glaube kennt Zweifel und Zerrissenheit. Sie versteht das Christentum politisch. Aus diesem Grund tritt sie für die Rechte von Frauen und queeren Menschen ein und prangert Diskriminierung und Rassismus an. Bei all ihren religiösen Fragen und Zweifeln hält sie am Glauben fest und findet darin Kraft.
Verzweifelte Menschen finden Kraft im Glauben, deshalb bete ich zu Jesus.
Literatur:
Jörn Glasenapp, Taylor Swift – 100 Seiten, Reclam Verlag Ditzingen 2024
Film:
Miss Americana, Dokumentarfilm 2020 (Regie: Lana Wilson, Besetzung: Taylor Swift)
Jörn Glasenapp, Taylor Swift – 100 Seiten, Reclam Verlag Ditzingen 2024
Film:
Miss Americana, Dokumentarfilm 2020 (Regie: Lana Wilson, Besetzung: Taylor Swift)
"Oh My God" - Adele-Gottesdienst
Vincenzo Petracca, 22.09.2024, Heiliggeistkirche Heidelberg
Ansprache 1: Einführung zu Adele
Adele, eine Pop-Ikone. Sie gehört zu den erfolgreichsten Stars unserer Zeit. Die 36-jährige Britin erhielt 16 Grammys. Für „Skyfall“, den Titelsong des gleichnamigen James-Bond-Films, den wir gerade hörten, gewann sie einen Oscar. Ihr Album „21“ ist das weltweit meistverkaufte Album des 21. Jahrhunderts. Sie ist Pop-, Soul-, Jazz- und R&B-Sängerin und Songwriterin. Vier Alben hat sie gemacht, die sie nach ihrem Alter bei der Entstehung benannt hat: 19, 21, 25 und 30. Ihre Drei-Oktaven-Stimme wird von Kritikern himmlisch genannt.
Entdeckt wurde sie mit 18 Jahren in einem Londoner Pub. Damals ging sie nicht auf die Bühne ohne Bierflasche in der Hand. Sie gestand vor kurzem: „Ich war in meinen Zwanzigern buchstäblich an der Grenze zum Alkoholiker". Mit dem Album „21“ stieg sie zum Superstar auf. Sie tauschte das Image des biertrinkenden Mädchens gegen das der Diva in Schwarz. Später nahm sie 45 Kilo ab.
In München gab sie letzten Monat 10 Konzerte. Man baute ihr extra ein Pop-Up-Stadion. Man kann sich fragen, wie nachhaltig das ist. Rund eine Dreiviertelmillion Menschen sahen ihre Shows. Die Konzertreihe löste eine Adele-Mania in unserem Land aus. Vorher trat sie, gleich Elvis, nur in Las Vegas auf. Dort kam es im Juni zu einer offenen Konfrontation. Als ein Konzertbesucher etwas Schwulenfeindliches in den Saal rief, unterbrach sie ihre Show. Sie reagierte sauer auf die Homophobie. Mit derben Worten, gar nicht in der Art einer Diva, wusch sie dem Zwischenrufer den Kopf. Die Sängerin ist bekannt als Unterstützerin der queeren Community. Als Heiliggeistkirche teilen ihre Werte. Entschieden wenden wir uns gegen Queerfeindlichkeit, genauso wie gegen Rassismus und Antisemitismus. Wir treten ein für eine Gesellschaft der Achtung und Wertschätzung aller Menschen. Bei uns sind alle willkommen, wie man auf dem Schild am Altar lesen kann.
Adele, eine Pop-Ikone. Sie gehört zu den erfolgreichsten Stars unserer Zeit. Die 36-jährige Britin erhielt 16 Grammys. Für „Skyfall“, den Titelsong des gleichnamigen James-Bond-Films, den wir gerade hörten, gewann sie einen Oscar. Ihr Album „21“ ist das weltweit meistverkaufte Album des 21. Jahrhunderts. Sie ist Pop-, Soul-, Jazz- und R&B-Sängerin und Songwriterin. Vier Alben hat sie gemacht, die sie nach ihrem Alter bei der Entstehung benannt hat: 19, 21, 25 und 30. Ihre Drei-Oktaven-Stimme wird von Kritikern himmlisch genannt.
Entdeckt wurde sie mit 18 Jahren in einem Londoner Pub. Damals ging sie nicht auf die Bühne ohne Bierflasche in der Hand. Sie gestand vor kurzem: „Ich war in meinen Zwanzigern buchstäblich an der Grenze zum Alkoholiker". Mit dem Album „21“ stieg sie zum Superstar auf. Sie tauschte das Image des biertrinkenden Mädchens gegen das der Diva in Schwarz. Später nahm sie 45 Kilo ab.
In München gab sie letzten Monat 10 Konzerte. Man baute ihr extra ein Pop-Up-Stadion. Man kann sich fragen, wie nachhaltig das ist. Rund eine Dreiviertelmillion Menschen sahen ihre Shows. Die Konzertreihe löste eine Adele-Mania in unserem Land aus. Vorher trat sie, gleich Elvis, nur in Las Vegas auf. Dort kam es im Juni zu einer offenen Konfrontation. Als ein Konzertbesucher etwas Schwulenfeindliches in den Saal rief, unterbrach sie ihre Show. Sie reagierte sauer auf die Homophobie. Mit derben Worten, gar nicht in der Art einer Diva, wusch sie dem Zwischenrufer den Kopf. Die Sängerin ist bekannt als Unterstützerin der queeren Community. Als Heiliggeistkirche teilen ihre Werte. Entschieden wenden wir uns gegen Queerfeindlichkeit, genauso wie gegen Rassismus und Antisemitismus. Wir treten ein für eine Gesellschaft der Achtung und Wertschätzung aller Menschen. Bei uns sind alle willkommen, wie man auf dem Schild am Altar lesen kann.
Ansprache 2: Adele und die Religion
Wie hält es Adele mit der Religion? Wie die meisten Mega-Star auch, erzählt Adele eher selten etwas darüber. Aber wenn wir etwas tiefer graben, können wir uns mithilfe von Interviews und Songtexten ein Bild davon machen.
Adele, mit bürgerlichem Namen heißt sie Adele Adkins, ist 1988 in Tottenham geboren, im Norden Londons. Der Stadtteil ist selbst für Londoner Verhältnisse multikulturell. Tottenham war zu jener Zeit ein Arbeiterviertel mit Sozialbau. Bekannt war es für soziale Unruhen. Dort war eine der vorherrschenden christlichen Richtungen der evangelikale Glaube. Er lässt sich durch drei Merkmale charakterisieren: ein Wiedergeburtserlebnis, ein wörtliches Verständnis der Bibel und die Auffassung, dass Jesus Christus der einzige Weg zur Rettung ist. Aus diesem Milieu scheint Adele zu stammen. In einem britischen Fernseh-Interview (in Boot Camp) sagte sie im Jahr 2011, unmittelbar bevor sie ihren Siegeszug antrat: „Ich bin genau genommen als Christin aufgewachsen und hatte einen sehr starken Glauben.“ Was sie darunter versteht, zählte sie im Folgenden auf: Regelmäßig besuchte sie mit ihrer Mutter den Gottesdienst und las in der Bibel. Sie pflegte, so sagte sie, eine persönliche Beziehung zu Gott.
Heute distanziert sie sich vom evangelikalen Glauben der Kindheit. Im Song „Oh My God“ des letzten Albums setzt sie sich kritisch mit ihrer Herkunft auseinander. In einem amerikanischen Radio-Interview (in Audacy) sagte Adele: Es geht in dem Lied um die Zeit, in der sie nach einer langen Phase von Angstzuständen zum ersten Mal wieder ihr Haus verlassen konnte. Sie war damals 30 Jahre alt und hatte sich scheiden lassen. Sie machte eine Therapie. Nach all dem Scheidungsschmerz verzehrte sie sich nach einer neuen Liebe. Doch es erwies sich als schwierig, jemand zu finden, denn sie war ein Star. Die Situation, berühmt und gleichzeitig Single zu sein, war neu für sie. Sie kämpfte mit der Frage: Wie date ich mich als Megastar richtig? Wie finde ich eine ernsthafte Beziehung? Eine Dating App kam nicht in Frage. Ihr Freundeskreis wollte sie zu Blind Dates überreden. Dies wollte sie auf keinen Fall! Sie hatte Panik vor Paparazzi und vor kruden Love-Stories auf Klatschseiten. Von dieser Achterbahn der Gefühle handelt die 1. Strophe des Liedes:
„Ich habe nicht viel Zeit.
Aber ich werde mir Zeit für dich nehmen, um dir zu zeigen, wie sehr ich dich mag.
Ich wünschte, ich würde dich meine Mauern durchbrechen lassen.
Aber ich bin immer noch außer Kontrolle durch den Sturz.
Junge, du gibst gute Liebe, ich werde nicht lügen.
Das ist es, was mich immer wieder zurückkommen lässt, auch wenn ich Angst habe.“
Überraschend kommt im Fortgang des Liedes der Glaube ins Spiel. Sie sagte einmal: „Ich glaube an etwas Größeres als mein Ich… Aber ich ordne mich der Spiritualität zu - diese muss indes kein ganzes Bündeln an Regeln und Vorschriften haben, wie es viele Religionen haben.“ Seit ihrer Kindheit setzt sie Religion mit einer Unzahl an moralischen Bestimmungen und Gesetzen gleich. Aus diesem Grund bezeichnet sie sich heute lieber als spirituell denn als religiös. Der reglementierte Glaube, den man ihr in der Kindheit beibrachte, ist ihr heute zu starr und einschnürend, nicht flüssig genug. Vielleicht überraschend: Auch Martin Luther lehnt einen solchen Glauben ab. Er nennt ihn gesetzlich. Dem setzt Luther entgegen: Glaube ist etwas Lebendiges. Es kommt nicht darauf an, immer alles richtig zu machen und alle Regeln einzuhalten. Lebendiger Glaube meint vielmehr, auf die göttliche Hilfe zu vertrauen, gerade bei eigenen Fehlern und Schwächen. Genau davon scheint Adele in „Oh My God“ zu singen. In ihrer evangelikalen Erziehung lernte sie, eine Scheidung sei Sünde und wenn schon Scheidung dürfe man danach keine neue Beziehung eingehen, gerade als Mutter. Sie singt darüber:
„Ich weiß, dass es falsch ist. Aber ich will Spaß haben…
Das ist Ärger, aber es fühlt sich richtig an.
An der Ecke von Himmel und Hölle schwankend.
Es ist ein Kampf, den ich nicht kämpfen kann.“
Für Adele liegen Paradies und Hölle nah beieinander. So nah, dass sie gleichsam eine gemeinsame Ecke haben. Sie sieht sich an dieser Ecke stehend, schwankend, innerlich kämpfend. Wie der Kampf letztlich ausgeht, lässt der Song offen.
Das zugehörige Video gibt dagegen eine Antwort. Es beginnt mit dem Bild eines Apfels, dem Symbol der Sünde. In der Bibel sollen ihn Adam und Eva nicht essen. Sie tun es dennoch und werden aus dem Paradies vertrieben. Im Video ist die Sängerin als engelsgleiche Erscheinung in Szene gesetzt, umgeben von heiligenscheinartigem Licht. Am Ende des Videos beißt sie wie Eva in den Apfel. Es ist, als wolle sie sagen: „Oh mein Gott, siehst du: Wie Eva habe ich das Paradies verloren.“
Adele setzt sich mit ihren evangelikalen Wurzeln auseinander und strampelt sich frei. Sie traut sich, zu leben und Spaß dabei zu haben. Ungewöhnlich für einen Pop-Hit: Der ganze Schluss des Liedes ist ein Bittgebet. Die Sängerin wendet sich mit ihrem ganzen Gefühlschaos direkt an Gott. Sie versucht nicht einmal, die eigenen Fehler vor ihm zu verstecken. Auf Entschuldigungen und Ausreden verzichtet sie. Selbstkritisch und ehrlich reflektiert sie ihr Tun. In aller Offenheit wendet sie sich mit ihrer Unfertigkeit und Schwäche an den Himmel. In eindringlicher Wiederholung singt sie:
„Herr, lass mich nicht", sage ich, "Herr, lass mich nicht"
Ich sage, "Herr, lass mich nicht fallen"
Ich sage, "Herr, lass mich nicht im Stich"
Wie hält es Adele mit der Religion? Wie die meisten Mega-Star auch, erzählt Adele eher selten etwas darüber. Aber wenn wir etwas tiefer graben, können wir uns mithilfe von Interviews und Songtexten ein Bild davon machen.
Adele, mit bürgerlichem Namen heißt sie Adele Adkins, ist 1988 in Tottenham geboren, im Norden Londons. Der Stadtteil ist selbst für Londoner Verhältnisse multikulturell. Tottenham war zu jener Zeit ein Arbeiterviertel mit Sozialbau. Bekannt war es für soziale Unruhen. Dort war eine der vorherrschenden christlichen Richtungen der evangelikale Glaube. Er lässt sich durch drei Merkmale charakterisieren: ein Wiedergeburtserlebnis, ein wörtliches Verständnis der Bibel und die Auffassung, dass Jesus Christus der einzige Weg zur Rettung ist. Aus diesem Milieu scheint Adele zu stammen. In einem britischen Fernseh-Interview (in Boot Camp) sagte sie im Jahr 2011, unmittelbar bevor sie ihren Siegeszug antrat: „Ich bin genau genommen als Christin aufgewachsen und hatte einen sehr starken Glauben.“ Was sie darunter versteht, zählte sie im Folgenden auf: Regelmäßig besuchte sie mit ihrer Mutter den Gottesdienst und las in der Bibel. Sie pflegte, so sagte sie, eine persönliche Beziehung zu Gott.
Heute distanziert sie sich vom evangelikalen Glauben der Kindheit. Im Song „Oh My God“ des letzten Albums setzt sie sich kritisch mit ihrer Herkunft auseinander. In einem amerikanischen Radio-Interview (in Audacy) sagte Adele: Es geht in dem Lied um die Zeit, in der sie nach einer langen Phase von Angstzuständen zum ersten Mal wieder ihr Haus verlassen konnte. Sie war damals 30 Jahre alt und hatte sich scheiden lassen. Sie machte eine Therapie. Nach all dem Scheidungsschmerz verzehrte sie sich nach einer neuen Liebe. Doch es erwies sich als schwierig, jemand zu finden, denn sie war ein Star. Die Situation, berühmt und gleichzeitig Single zu sein, war neu für sie. Sie kämpfte mit der Frage: Wie date ich mich als Megastar richtig? Wie finde ich eine ernsthafte Beziehung? Eine Dating App kam nicht in Frage. Ihr Freundeskreis wollte sie zu Blind Dates überreden. Dies wollte sie auf keinen Fall! Sie hatte Panik vor Paparazzi und vor kruden Love-Stories auf Klatschseiten. Von dieser Achterbahn der Gefühle handelt die 1. Strophe des Liedes:
„Ich habe nicht viel Zeit.
Aber ich werde mir Zeit für dich nehmen, um dir zu zeigen, wie sehr ich dich mag.
Ich wünschte, ich würde dich meine Mauern durchbrechen lassen.
Aber ich bin immer noch außer Kontrolle durch den Sturz.
Junge, du gibst gute Liebe, ich werde nicht lügen.
Das ist es, was mich immer wieder zurückkommen lässt, auch wenn ich Angst habe.“
Überraschend kommt im Fortgang des Liedes der Glaube ins Spiel. Sie sagte einmal: „Ich glaube an etwas Größeres als mein Ich… Aber ich ordne mich der Spiritualität zu - diese muss indes kein ganzes Bündeln an Regeln und Vorschriften haben, wie es viele Religionen haben.“ Seit ihrer Kindheit setzt sie Religion mit einer Unzahl an moralischen Bestimmungen und Gesetzen gleich. Aus diesem Grund bezeichnet sie sich heute lieber als spirituell denn als religiös. Der reglementierte Glaube, den man ihr in der Kindheit beibrachte, ist ihr heute zu starr und einschnürend, nicht flüssig genug. Vielleicht überraschend: Auch Martin Luther lehnt einen solchen Glauben ab. Er nennt ihn gesetzlich. Dem setzt Luther entgegen: Glaube ist etwas Lebendiges. Es kommt nicht darauf an, immer alles richtig zu machen und alle Regeln einzuhalten. Lebendiger Glaube meint vielmehr, auf die göttliche Hilfe zu vertrauen, gerade bei eigenen Fehlern und Schwächen. Genau davon scheint Adele in „Oh My God“ zu singen. In ihrer evangelikalen Erziehung lernte sie, eine Scheidung sei Sünde und wenn schon Scheidung dürfe man danach keine neue Beziehung eingehen, gerade als Mutter. Sie singt darüber:
„Ich weiß, dass es falsch ist. Aber ich will Spaß haben…
Das ist Ärger, aber es fühlt sich richtig an.
An der Ecke von Himmel und Hölle schwankend.
Es ist ein Kampf, den ich nicht kämpfen kann.“
Für Adele liegen Paradies und Hölle nah beieinander. So nah, dass sie gleichsam eine gemeinsame Ecke haben. Sie sieht sich an dieser Ecke stehend, schwankend, innerlich kämpfend. Wie der Kampf letztlich ausgeht, lässt der Song offen.
Das zugehörige Video gibt dagegen eine Antwort. Es beginnt mit dem Bild eines Apfels, dem Symbol der Sünde. In der Bibel sollen ihn Adam und Eva nicht essen. Sie tun es dennoch und werden aus dem Paradies vertrieben. Im Video ist die Sängerin als engelsgleiche Erscheinung in Szene gesetzt, umgeben von heiligenscheinartigem Licht. Am Ende des Videos beißt sie wie Eva in den Apfel. Es ist, als wolle sie sagen: „Oh mein Gott, siehst du: Wie Eva habe ich das Paradies verloren.“
Adele setzt sich mit ihren evangelikalen Wurzeln auseinander und strampelt sich frei. Sie traut sich, zu leben und Spaß dabei zu haben. Ungewöhnlich für einen Pop-Hit: Der ganze Schluss des Liedes ist ein Bittgebet. Die Sängerin wendet sich mit ihrem ganzen Gefühlschaos direkt an Gott. Sie versucht nicht einmal, die eigenen Fehler vor ihm zu verstecken. Auf Entschuldigungen und Ausreden verzichtet sie. Selbstkritisch und ehrlich reflektiert sie ihr Tun. In aller Offenheit wendet sie sich mit ihrer Unfertigkeit und Schwäche an den Himmel. In eindringlicher Wiederholung singt sie:
„Herr, lass mich nicht", sage ich, "Herr, lass mich nicht"
Ich sage, "Herr, lass mich nicht fallen"
Ich sage, "Herr, lass mich nicht im Stich"
Ansprache 3: Adele und die Spiritualität
Adele hat sich vom evangelikalen Glauben ihrer Kindheit zu einer mehr flüssigen Spiritualität entwickelt. Was genau versteht sie unter Spiritualität? Spielt da Gott noch eine Rolle? Augenscheinlich, wir sahen: Im Song „Oh My God“ wendet sie sich im Gebet an Gott mit den beiden Anreden „mein Gott“ und „Herr“. In einem Interview wurde sie einmal direkt gefragt, ob sie an Gott glaube. Sie antwortete, ich zitiere: "Definitiv glaube ich an Gott. Ich weiß, dass Engel existieren". Adele hat einen ausgeprägten Glauben an himmlische Mächte. Er ist so stark, dass sie ihrem Sohn den Namen „Angelo“ gegeben hat, italienisch für „Engel“. Auch ansonsten ist der Popstar tief in der christlichen Gedankenwelt verankert. In ihren Liedern gibt es immer wieder biblische Anspielungen und Zitate. Der Hit „Skyfall“ atmet die Luft neutestamentlicher Apokalyptik, wie wir sie in der Offenbarung des Johannes finden. Dies kann die Sängerin ungezwungen mit einem wörtlichen Zitat aus dem alttestamentlichen Buch Ruth kombinieren. Oder: In ihrem größten Hit „Rolling In The Deep“ zitiert sie einen Vers des Apostels Paulus aus dem Galaterbrief (Gal 6,7): Du erntest, was du säst!
Dieses Lied besticht im Übrigen durch seine emotionale Intensität. Adele singt:
„Ein Feuer beginnt in meinem Herzen zu brennen, es wird heiß wie Fieber …
Während wir uns umarmen und untergehen, werden Tränen fließen. …
Du hast mein Herz und meine Seele in deiner Hand gehalten und damit im Takt gespielt.“
Die Sängerin ist authentisch. Sie zeigt sich nicht nur in ihren Songs, sondern auch öffentlich zerbrechlich und verletzbar. So weinte sie auf der Bühne in München. Ihre Lieder sind durchdrungen von einer Spiritualität der Verletzlichkeit, der radikalen emotionalen Ehrlichkeit. Sie singt von Liebe und quälender Sehnsucht. Von Angst und leidenschaftlichen Tränen. Von Resilienz und persönlichem Wachstum. Adele singt von Achtung und Wertschätzung in einer verletzlichen Welt. Ihre kräftige Stimme, ihre sensiblen Texte und das magische Ambiente ihrer Lieder berühren spirituelle Aspekte menschlicher Erfahrung. Sie schafft es, in tiefe Schichten ihrer Zuhörenden vorzudringen. Dabei erzeugt sie intensive Gefühle und schenkt Trost. Bisweilen ruft sie gar eine spirituelle Atmosphäre hervor, die mit einer höheren Macht als das eigene Selbst in Verbindung bringt.
Die Sängerin ihrerseits scheint, manchmal selbst in eine mystische Verbindung zu treten. In einem Interview erzählt sie von dem Gefühl, an manchen Tagen mit dem Universum in Kontakt zu stehen. Mit allen und mit allem, so erzählt sie. Adele glaubt an Gott, Engel und eine kosmische Spiritualität. Sie zeigt uns eine unsichtbare Welt, in der alles in der Schöpfung mit allem verbunden und von Gott und seinen himmlischen Mächten durchdrungen ist. Eine wunderbare Welt, die uns geheimnisvoll trägt und birgt.
Wie kommt Adele zu solch einer Weltsicht? Sie ist eine Mystikerin. Der Kern ihrer Spiritualität ist eine mystische Erfahrung, die sie machte und die sie und ihre Musik prägt. Im Song „Easy On Me“ singt sie:
„Ich weiß, es gibt Hoffnung in diesem Gewässer.
Aber ich kann mich nicht überwinden zu schwimmen“.
Mit diesen Versen und dem Element Wasser, das in ihren Songs immer wieder vorkommt, verarbeitet sie ein mystisches Grunderlebnis. Sie erlebte es in Jamaica beim Schwimmen. Im Ozean fühlte sie eine mystische Vereinigung mit einer höheren Macht. Dieses Höhere bezeichnet sie ausdrücklich als „Gott“. Die Gegenwart Gottes fühlte sie in den Wellen, die sie mit göttlicher Energie umarmten. Das Element Wasser erinnert mich an die Taufe. In den evangelikalen Kreisen ihrer Kindheit ist spirituelle Taufe und Wiedergeburt ein zentrales Thema. Um das Jamaica-Erlebnis zu beschreiben, greift Adele auf genau diesen evangelikalen Sprachgebrauch zurück und gebraucht ansonsten Worte, wie wir sie bei Mystikerinnen aller Zeiten finden. Sie beschrieb das mystische Erlebnis so, ich zitiere wörtlich: „Ich fühlte etwas Größeres als mein Ich. Es war, als umarmte mich der Ozean und hätte alles Gewicht von mir abgewaschen, das ich trug. Ich glaube fest daran, dass Gott in diesem Moment anwesend war. Es war eine spirituelle Taufe, die meine Seele berührte.“
Adele hat sich vom evangelikalen Glauben ihrer Kindheit zu einer mehr flüssigen Spiritualität entwickelt. Was genau versteht sie unter Spiritualität? Spielt da Gott noch eine Rolle? Augenscheinlich, wir sahen: Im Song „Oh My God“ wendet sie sich im Gebet an Gott mit den beiden Anreden „mein Gott“ und „Herr“. In einem Interview wurde sie einmal direkt gefragt, ob sie an Gott glaube. Sie antwortete, ich zitiere: "Definitiv glaube ich an Gott. Ich weiß, dass Engel existieren". Adele hat einen ausgeprägten Glauben an himmlische Mächte. Er ist so stark, dass sie ihrem Sohn den Namen „Angelo“ gegeben hat, italienisch für „Engel“. Auch ansonsten ist der Popstar tief in der christlichen Gedankenwelt verankert. In ihren Liedern gibt es immer wieder biblische Anspielungen und Zitate. Der Hit „Skyfall“ atmet die Luft neutestamentlicher Apokalyptik, wie wir sie in der Offenbarung des Johannes finden. Dies kann die Sängerin ungezwungen mit einem wörtlichen Zitat aus dem alttestamentlichen Buch Ruth kombinieren. Oder: In ihrem größten Hit „Rolling In The Deep“ zitiert sie einen Vers des Apostels Paulus aus dem Galaterbrief (Gal 6,7): Du erntest, was du säst!
Dieses Lied besticht im Übrigen durch seine emotionale Intensität. Adele singt:
„Ein Feuer beginnt in meinem Herzen zu brennen, es wird heiß wie Fieber …
Während wir uns umarmen und untergehen, werden Tränen fließen. …
Du hast mein Herz und meine Seele in deiner Hand gehalten und damit im Takt gespielt.“
Die Sängerin ist authentisch. Sie zeigt sich nicht nur in ihren Songs, sondern auch öffentlich zerbrechlich und verletzbar. So weinte sie auf der Bühne in München. Ihre Lieder sind durchdrungen von einer Spiritualität der Verletzlichkeit, der radikalen emotionalen Ehrlichkeit. Sie singt von Liebe und quälender Sehnsucht. Von Angst und leidenschaftlichen Tränen. Von Resilienz und persönlichem Wachstum. Adele singt von Achtung und Wertschätzung in einer verletzlichen Welt. Ihre kräftige Stimme, ihre sensiblen Texte und das magische Ambiente ihrer Lieder berühren spirituelle Aspekte menschlicher Erfahrung. Sie schafft es, in tiefe Schichten ihrer Zuhörenden vorzudringen. Dabei erzeugt sie intensive Gefühle und schenkt Trost. Bisweilen ruft sie gar eine spirituelle Atmosphäre hervor, die mit einer höheren Macht als das eigene Selbst in Verbindung bringt.
Die Sängerin ihrerseits scheint, manchmal selbst in eine mystische Verbindung zu treten. In einem Interview erzählt sie von dem Gefühl, an manchen Tagen mit dem Universum in Kontakt zu stehen. Mit allen und mit allem, so erzählt sie. Adele glaubt an Gott, Engel und eine kosmische Spiritualität. Sie zeigt uns eine unsichtbare Welt, in der alles in der Schöpfung mit allem verbunden und von Gott und seinen himmlischen Mächten durchdrungen ist. Eine wunderbare Welt, die uns geheimnisvoll trägt und birgt.
Wie kommt Adele zu solch einer Weltsicht? Sie ist eine Mystikerin. Der Kern ihrer Spiritualität ist eine mystische Erfahrung, die sie machte und die sie und ihre Musik prägt. Im Song „Easy On Me“ singt sie:
„Ich weiß, es gibt Hoffnung in diesem Gewässer.
Aber ich kann mich nicht überwinden zu schwimmen“.
Mit diesen Versen und dem Element Wasser, das in ihren Songs immer wieder vorkommt, verarbeitet sie ein mystisches Grunderlebnis. Sie erlebte es in Jamaica beim Schwimmen. Im Ozean fühlte sie eine mystische Vereinigung mit einer höheren Macht. Dieses Höhere bezeichnet sie ausdrücklich als „Gott“. Die Gegenwart Gottes fühlte sie in den Wellen, die sie mit göttlicher Energie umarmten. Das Element Wasser erinnert mich an die Taufe. In den evangelikalen Kreisen ihrer Kindheit ist spirituelle Taufe und Wiedergeburt ein zentrales Thema. Um das Jamaica-Erlebnis zu beschreiben, greift Adele auf genau diesen evangelikalen Sprachgebrauch zurück und gebraucht ansonsten Worte, wie wir sie bei Mystikerinnen aller Zeiten finden. Sie beschrieb das mystische Erlebnis so, ich zitiere wörtlich: „Ich fühlte etwas Größeres als mein Ich. Es war, als umarmte mich der Ozean und hätte alles Gewicht von mir abgewaschen, das ich trug. Ich glaube fest daran, dass Gott in diesem Moment anwesend war. Es war eine spirituelle Taufe, die meine Seele berührte.“
„Like a Prayer“ - Madonna-Gottesdienst
Vincenzo Petracca, 16.10.2022, Heiliggeistkirche Heidelberg
Ansprache 1: Einführung zu Madonna
Madonna, die Queen of Pop. Sie ist ein Gesamtkunstwerk: Sängerin, Song-Schreiberin, Tänzerin, Power-Frau, Sex-Idol, Mode-Ikone. Und nicht nur das, sie ist auch Schauspielerin, Autorin, Regisseurin, Produzentin und Designerin. Eine schillernde Frau, an der sich die Geister scheiden. Sie gilt als Frontfrau der Emanzipation. Als erste Frau im Showbusiness kontrollierte sie ihre Musik und ihr Image selbst. Madonna gibt sich mädchenhaft-feminin und selbstbestimmt-emanzipiert zugleich. So schafft sie es, eine Projektionsfläche für das männliche Publikum und gleichzeitig ein Rollen-Vorbild für das weibliche Publikum zu sein. Durch ihren häufigen Stilwechsel hat sie eine bleibende kulturelle Bedeutung erlangt. Sie ist kommerziell die erfolgreichste Sängerin aller Zeiten. Jahrzehntelang stand sie an der Spitze der weltweiten Charts. Ihr popkultureller Einfluss kommt dem von Elvis oder Michael Jackson gleich. Sie ist die Pop-Königin schlechthin.
Madonna, die Queen of Pop. Sie ist ein Gesamtkunstwerk: Sängerin, Song-Schreiberin, Tänzerin, Power-Frau, Sex-Idol, Mode-Ikone. Und nicht nur das, sie ist auch Schauspielerin, Autorin, Regisseurin, Produzentin und Designerin. Eine schillernde Frau, an der sich die Geister scheiden. Sie gilt als Frontfrau der Emanzipation. Als erste Frau im Showbusiness kontrollierte sie ihre Musik und ihr Image selbst. Madonna gibt sich mädchenhaft-feminin und selbstbestimmt-emanzipiert zugleich. So schafft sie es, eine Projektionsfläche für das männliche Publikum und gleichzeitig ein Rollen-Vorbild für das weibliche Publikum zu sein. Durch ihren häufigen Stilwechsel hat sie eine bleibende kulturelle Bedeutung erlangt. Sie ist kommerziell die erfolgreichste Sängerin aller Zeiten. Jahrzehntelang stand sie an der Spitze der weltweiten Charts. Ihr popkultureller Einfluss kommt dem von Elvis oder Michael Jackson gleich. Sie ist die Pop-Königin schlechthin.
Ansprache 2: Madonnas Kindheit
Als die Musikzeitschrift Rolling Stone (Oktober 2009) fragte, weshalb Madonna einem Lied, das über Schwangerschaften von Teenagern handelt, ausgerechnet den Titel „Papa Don't Preach“ gegeben hatte, antwortete sie: „[Das Lied] passt sehr gut zu mir […], ich verbinde es mit der Katholischen Kirche und meinem Vater mit seiner konservativen Art.“
Die blonde Italo-Amerikanerin aus Detroit kommt aus einem streng katholischen Elternhaus. Von Geburt heißt sie Madonna Louise Ciccone. Sie wurde nach ihrer Mutter benannt, die ebenfalls Madonna heißt. Diese starb an Brustkrebs. Bereits als Fünfjährige wurde die Sängerin mit der Erfahrung von Schmerzen und Tod konfrontiert. Der frühe Verlust prägte sie zeitlebens. So ließ sie sich beispielsweise in diesem Frühjahr ein Tattoo zur Erinnerung an ihre Mutter stechen. „Maman“ steht jetzt auf Französisch auf ihrem Handgelenk. Bei ihrer Firmung nahm Madonna einen dritten Vornamen an: Veronica, nach der Hl. Veronika, die Jesus bei der Kreuzigung ein Schweißtuch gereicht haben soll, um Schweiß und Blut von seinem Gesicht abzuwischen. Sie besuchte katholische Schulen und wurde zeitweise in einer Klosterschule erzogen. Sie sagte einmal über diese Zeit: „Als ich klein war, hatte ich all die üblichen Schuldgefühle. Es war mir immer bewußt, daß Gott alles beobachtete, was ich machte. Bis ich zwölf war, hab ich geglaubt, im Keller wohnt der Teufel, und ich bin immer schnellstens die Treppe hochgerannt, damit er nicht nach meinen Knöcheln grapschen konnte. Ich hab immer ein paar Rosenkränze mit mir herumgetragen. Da gab es einen türkisfarbenen, den mir vor langer Zeit mal meine Großmutter geschenkt hat, den trug ich als Halskette - für mich ist das kein Sakrileg. Ich fand die riesigen Kreuze, die die Nonnen über ihrer Ordenstracht trugen, wunderschön.“ Die ganze Persönlichkeit Madonnas ist nicht von der katholischen Prägung in der Kindheit und Jugend zu trennen.
Als die Musikzeitschrift Rolling Stone (Oktober 2009) fragte, weshalb Madonna einem Lied, das über Schwangerschaften von Teenagern handelt, ausgerechnet den Titel „Papa Don't Preach“ gegeben hatte, antwortete sie: „[Das Lied] passt sehr gut zu mir […], ich verbinde es mit der Katholischen Kirche und meinem Vater mit seiner konservativen Art.“
Die blonde Italo-Amerikanerin aus Detroit kommt aus einem streng katholischen Elternhaus. Von Geburt heißt sie Madonna Louise Ciccone. Sie wurde nach ihrer Mutter benannt, die ebenfalls Madonna heißt. Diese starb an Brustkrebs. Bereits als Fünfjährige wurde die Sängerin mit der Erfahrung von Schmerzen und Tod konfrontiert. Der frühe Verlust prägte sie zeitlebens. So ließ sie sich beispielsweise in diesem Frühjahr ein Tattoo zur Erinnerung an ihre Mutter stechen. „Maman“ steht jetzt auf Französisch auf ihrem Handgelenk. Bei ihrer Firmung nahm Madonna einen dritten Vornamen an: Veronica, nach der Hl. Veronika, die Jesus bei der Kreuzigung ein Schweißtuch gereicht haben soll, um Schweiß und Blut von seinem Gesicht abzuwischen. Sie besuchte katholische Schulen und wurde zeitweise in einer Klosterschule erzogen. Sie sagte einmal über diese Zeit: „Als ich klein war, hatte ich all die üblichen Schuldgefühle. Es war mir immer bewußt, daß Gott alles beobachtete, was ich machte. Bis ich zwölf war, hab ich geglaubt, im Keller wohnt der Teufel, und ich bin immer schnellstens die Treppe hochgerannt, damit er nicht nach meinen Knöcheln grapschen konnte. Ich hab immer ein paar Rosenkränze mit mir herumgetragen. Da gab es einen türkisfarbenen, den mir vor langer Zeit mal meine Großmutter geschenkt hat, den trug ich als Halskette - für mich ist das kein Sakrileg. Ich fand die riesigen Kreuze, die die Nonnen über ihrer Ordenstracht trugen, wunderschön.“ Die ganze Persönlichkeit Madonnas ist nicht von der katholischen Prägung in der Kindheit und Jugend zu trennen.
Ansprache 3: Madonna und die Kirche
Der 80er-Klassiker „Like a Virgin“ erzählt von einer neuen Liebe nach der Scheidung. Madonna inszeniert dabei betont das Thema Jungfräulichkeit. Auf dem Plattencover präsentiert sie sich lasziv im weißen Hochzeitskleid. Sie liebt die Provokation. Wobei sie freilich Ironie und Provokation als Ausdruck von Kunst versteht. Im Übrigen möchte ich anmerken, ist Provokation auch das probateste Mittel, um Aufmerksamkeit und Erfolg zu haben. Und kaum etwas eignet sich besser zum Provozieren als die Verbindung von Religion und Sex. Entsprechend widmete sie „Like a Virgin“ bei einem Konzert in Rom im Jahr 2008 dem damaligen Papst Benedikt. Sie wollte damit gegen das Dogma der unbefleckten Geburt Marias protestieren. Sie sagte: „Ich widme dieses Lied dem Papst, weil ich ein Kind Gottes bin“. Selbst nach der Jungfrau Maria benannt, gab sie ihrer ersten Tochter den Namen eines Marienkultortes: Lourdes.
Madonna testet immer wieder die Grenzen aus. Sie spielt mit dem Affront, so dass sich schon früh kirchlicher Protest erhob. Einige Kardinäle forderten ihre Exkommunikation, der Papst protestierte gegen das Musikvideo zum Lied „Like a Prayer“. Offiziell trat sie aber niemals aus der katholischen Kirche aus und wurde sie auch nie exkommuniziert.
Als junge Frau freilich bricht Madonna mit der Religion der Eltern. Mit dem Katholizismus pflegt sie seitdem eine Art Hassliebe. Es ist wie ein lebenslanges Ausbrechen und Hadern mit der Religion, aber vor allem mit der Enge mancher kirchlicher Milieus. Diesen Weg teilt sie mit vielen streng christlich erzogenen Frauen und Männern. Oft tauchen bei ihr christliche und speziell katholische Symbole auf. Ob in Songtexten, in Musikvideos oder Bühnenshows, überall sind religiöse Symbole und Anspielungen zu finden. In einem Interview im Jahr 2016 bekennt sie diesen inneren Kampf: „Ich fühle auch eine unerklärliche Verbindung zum Katholizismus, wie sich in all meinen Werken zeigt“.
Die Sängerin ist auf der Suche. Ihre religiöse Suche ist voller Inszenierungen und Provokationen. Aber dahinter verbirgt sich eine wahrhafte Suchbewegung. Sie interessiert sich für viele Facetten von Religion. Seit den 90ern vor allem für die Kabbala, eine mystische Tradition des Judentums. Madonna hat in einem Kabbala-Zentrum studiert und unterstützt es auch finanziell. Sie ist bekennende Kabbalistin.
Seit neuestem scheint sie sich wieder dem Katholizismus anzunähern. Im Mai dieses Jahres schrieb sie an Papst Franziskus, um ihr heikles Verhältnis zur katholischen Kirche zu klären. Sie bat um ein persönliches Beichtgespräch. Eine Antwort gab es nicht, zumindest bisher noch nicht.
Der 80er-Klassiker „Like a Virgin“ erzählt von einer neuen Liebe nach der Scheidung. Madonna inszeniert dabei betont das Thema Jungfräulichkeit. Auf dem Plattencover präsentiert sie sich lasziv im weißen Hochzeitskleid. Sie liebt die Provokation. Wobei sie freilich Ironie und Provokation als Ausdruck von Kunst versteht. Im Übrigen möchte ich anmerken, ist Provokation auch das probateste Mittel, um Aufmerksamkeit und Erfolg zu haben. Und kaum etwas eignet sich besser zum Provozieren als die Verbindung von Religion und Sex. Entsprechend widmete sie „Like a Virgin“ bei einem Konzert in Rom im Jahr 2008 dem damaligen Papst Benedikt. Sie wollte damit gegen das Dogma der unbefleckten Geburt Marias protestieren. Sie sagte: „Ich widme dieses Lied dem Papst, weil ich ein Kind Gottes bin“. Selbst nach der Jungfrau Maria benannt, gab sie ihrer ersten Tochter den Namen eines Marienkultortes: Lourdes.
Madonna testet immer wieder die Grenzen aus. Sie spielt mit dem Affront, so dass sich schon früh kirchlicher Protest erhob. Einige Kardinäle forderten ihre Exkommunikation, der Papst protestierte gegen das Musikvideo zum Lied „Like a Prayer“. Offiziell trat sie aber niemals aus der katholischen Kirche aus und wurde sie auch nie exkommuniziert.
Als junge Frau freilich bricht Madonna mit der Religion der Eltern. Mit dem Katholizismus pflegt sie seitdem eine Art Hassliebe. Es ist wie ein lebenslanges Ausbrechen und Hadern mit der Religion, aber vor allem mit der Enge mancher kirchlicher Milieus. Diesen Weg teilt sie mit vielen streng christlich erzogenen Frauen und Männern. Oft tauchen bei ihr christliche und speziell katholische Symbole auf. Ob in Songtexten, in Musikvideos oder Bühnenshows, überall sind religiöse Symbole und Anspielungen zu finden. In einem Interview im Jahr 2016 bekennt sie diesen inneren Kampf: „Ich fühle auch eine unerklärliche Verbindung zum Katholizismus, wie sich in all meinen Werken zeigt“.
Die Sängerin ist auf der Suche. Ihre religiöse Suche ist voller Inszenierungen und Provokationen. Aber dahinter verbirgt sich eine wahrhafte Suchbewegung. Sie interessiert sich für viele Facetten von Religion. Seit den 90ern vor allem für die Kabbala, eine mystische Tradition des Judentums. Madonna hat in einem Kabbala-Zentrum studiert und unterstützt es auch finanziell. Sie ist bekennende Kabbalistin.
Seit neuestem scheint sie sich wieder dem Katholizismus anzunähern. Im Mai dieses Jahres schrieb sie an Papst Franziskus, um ihr heikles Verhältnis zur katholischen Kirche zu klären. Sie bat um ein persönliches Beichtgespräch. Eine Antwort gab es nicht, zumindest bisher noch nicht.
Ansprache 4: Like a Prayer
Wir schreiben das Jahr 1987. Madonna steckt in einer tiefen Lebenskrise. Ihr Film „Who’s That Girl“ wird ein Misserfolg, ihre Ehe mit dem Schauspieler Sean Penn scheitert. Und sie wird 30. In ihr steigen die Erinnerung an den Tod ihrer Mutter auf, die in genau diesem Alter starb. All dies zusammen führt zu einem allgegenwärtigen Schuldgefühl. So sagt sie es selbst einmal. Sie sieht die Ursache in ihrer katholischen Erziehung. Hierzu meinte sie einmal: „Im Katholizismus wird man als Sünder geboren und bleibt ein Sünder, sein Lebtag lang. Was man auch tun mag, um sich aus der Affäre zu ziehen - die Sünde verläßt einen nicht.“ Mir fällt da der junge Luther ein, der als Mönch seine Schuldgefühle trotz aller katholischen Bußübungen nicht los wird. Luther fand die Erlösung im Lesen der Bibel. Madonna geht kreativ mit ihren persönlichen Ängsten und Monstern um. Sie bearbeitet und verarbeitet sie in der Musik. Hieraus entsteht ein Jahr später das Album „Like a Prayer“. Es ist ein Wendepunkt ihrer Karriere. Sie wird endgültig als ernstzunehmende Künstlerin wahrgenommen. Charakteristisch für das Album sind die religiösen, insbesondere katholischen Inhalte. „Like a Prayer“ widmet die Sängerin ihrer verstorbenen Mutter, „die ihr das Beten beibrachte“.
Den Titelsong „Like a Prayer“ beginnt Madonna mit dem Wort „Gott“, das sie wie ein Gebetsruf ins Off ruft. Das religiöse Universum wird betreten. Musikalisch wird der religiöse Bezug durch den Einsatz von Orgel und Gospelchor hergestellt. Dadurch schwingt im Lied die Atmosphäre eines Gottesdienstes mit. Der Text erzählt ein mystisches Erlebnis. Eine junge Frau verzehrt sich in Sehnsucht. Im vielschichtigen Liedtext beschreibt Madonna die Gottesbeziehung mit dem Vokabular einer erotischen Liebesbeziehung.
Das Leben ist ein Geheimnis
Jeder muss es allein durchstehen
Ich höre, wie du meinen Namen rufst
Und es fühlt sich an wie zu Hause
Wenn du meinen Namen rufst
Ist es wie ein kleines Gebet
Ich bin unten auf meinen Knien
Ich will dich dorthin führen
In der Mitternachtsstunde kann ich deine Kraft spüren
Wie in einem Gebet, weißt du, werde ich dich dorthin führen
Ich höre deine Stimme
Sie ist wie das Seufzen eines Engels
Ich habe keine Wahl, ich höre deine Stimme
Ich fühle, als ob ich flöge
Ich schließe meine Augen
Oh Gott, ich glaube, ich falle
Vom Himmel herunter
Ich schließe meine Augen
Lieber Himmel, bitte hilf mir
Wie ein Kind flüsterst du sanft zu mir
Du bist in meiner Obhut, genau wie ein Kind
Jetzt tanze ich
Es ist wie ein Traum
Kein Ende und kein Anfang
Du bist hier mit mir, es ist wie ein Traum
„Like a Prayer“ erzählt von einer mystischen Vereinigung mit Gott, einer sogenannten Unio Mystica. Der Songtext könnte auch aus der mystischen Liebeslyrik des Mittelalters stammen. Diese beschreibt die Liebe des Geliebten, nämlich Jesus Christus, zur menschlichen Seele. So dichtet etwa die Hl. Theresa von Avila über den göttlichen Liebespfeil in ihrer Seele:
Der mich traf, das war ein Pfeil,
Den die Liebe abgeschossen;
Sieh', da wurde meine Seele
Eins mit dem, der sie erschaffen.
Nun such' ich andre Liebe nimmer,
Da meinem Gott ich mich ergeben,
Und mein Geliebter an meiner Statt,
Und ich an Statt des Geliebten bin.
Madonna und die Provokation. Die Gemüter erregte weniger das Lied als vielmehr das Musikvideo. Wie es bei Madonna oft der Fall ist, kommt dem Video für die Interpretation des Liedes eine herausragende Rolle zu. Es verstärkt die mystisch-erotische Spannung des Liedes durch die Handlung und ekstatische Bilder. Über den Songtext hinaus gehend, verbindet es das Lied auch mit dem Rassismus-Thema, indem brennende Kreuze zu sehen sind, die auf den Ku-Klux-Klan verweisen. Das Musikvideos hat folgende Handlung: Madonna wird Zeugin eines Überfalls weißer Männer auf eine Frau; ein Farbiger, der dem Opfer zu Hilfe kommt, wird jedoch von der Polizei als Täter festgenommen. Madonna findet Zuflucht in einer Kirche, in der die Statue eines farbigen Heiligen steht, zu dem sie betet. Sie legt sich auf die Kirchenbank, schläft ein, fliegt in die Arme einer farbigen Gospelsängerin und träumt schließlich davon, dass die Statue des Heiligen lebendig wird, zu ihr spricht und sie küsst. Aus dem Traum erwacht geht Madonna zur Polizei und bezeugt die Unschuld des Gefangenen. Dieser wird daraufhin frei gelassen.
Zur Deutung des Videos: Madonna aktualisiert im freizügigen Outfit die ekstatischen Freuden, die Theresa von Avila in ihrer mystischen Vereinigung mit Christus hatte. Durchaus noch im Rahmen der katholischen Heiligenfrömmigkeit verbindet sie sich in der Unio Mystica durch einen Kuss nicht etwa mit Christus, sondern mit einem Heiligen. Das Ganze durchmischt Madonna dann noch mit dem enthusiastischen Gospelgesang farbiger Gemeinden und, wie sollte es anders sein, einem Hauch Erotik.
Zudem verarbeitet sie zwei Bibelstellen visuell. In der einen, Jesaja 42,6f., spricht Gott zum leidenden Gottesknecht: Ich habe dich geschaffen und dazu bestimmt, Gefangene aus dem Kerker zu holen und alle, die im Dunkel sitzen, aus ihrer Haft zu befreien. In der zweiten Bibelstelle, Matthäus 25,35ff., identifiziert sich Jesus mit den Gefangenen: Wer einen Gefangenen besucht, der verhält sich so, als würde er Jesus selbst im Gefängnis besuchen. Madonna tut im Video beides, einen Gefangenen besuchen und ihn befreien. Die Interaktion zwischen Text, Musik und Bild ist äußerst komplex. Das Musikvideo ist keine Blasphemie, wie manche meinen. Es ist vielmehr eine ästhetische Inszenierung der Bibel und katholischer Frömmigkeit.
„Like a Prayer“, das Lied gilt als Madonnas anspruchsvollstes. Nicht ohne Grund. Es ist eine musikalische und zeitgenössische Neuinterpretation mittelalterlicher Liebesmystik. Bald nach dem Lied wendete sich Madonna selbst der jüdischen Kabbalamystik zu. Sie sagt selbst über den Inhalt des Songs: [Eine Frau] „liebt Gott fast so, als ob Er die männliche Gestalt in ihrem Leben sei“.
Nur wer selbst einmal eine mystische Erfahrung gemacht hat, so glaube ich, ist fähig, eine solche zu schildern. „Like a Prayer“ spiegelt wohl ein eigenes mystisches Erlebnis Madonnas wider. Über ihr Gebetsleben gestand Madonna einmal: „Ich bete, wenn ich Probleme habe oder wenn ich glücklich bin. In extremen Gefühlslagen jeglicher Art. Ich bete, wenn ich mich so toll fühle, daß ich denke, ich muß bei mir selbst Einkehr halten und mir bewußtmachen, wie schön das Leben ist.“
Wir schreiben das Jahr 1987. Madonna steckt in einer tiefen Lebenskrise. Ihr Film „Who’s That Girl“ wird ein Misserfolg, ihre Ehe mit dem Schauspieler Sean Penn scheitert. Und sie wird 30. In ihr steigen die Erinnerung an den Tod ihrer Mutter auf, die in genau diesem Alter starb. All dies zusammen führt zu einem allgegenwärtigen Schuldgefühl. So sagt sie es selbst einmal. Sie sieht die Ursache in ihrer katholischen Erziehung. Hierzu meinte sie einmal: „Im Katholizismus wird man als Sünder geboren und bleibt ein Sünder, sein Lebtag lang. Was man auch tun mag, um sich aus der Affäre zu ziehen - die Sünde verläßt einen nicht.“ Mir fällt da der junge Luther ein, der als Mönch seine Schuldgefühle trotz aller katholischen Bußübungen nicht los wird. Luther fand die Erlösung im Lesen der Bibel. Madonna geht kreativ mit ihren persönlichen Ängsten und Monstern um. Sie bearbeitet und verarbeitet sie in der Musik. Hieraus entsteht ein Jahr später das Album „Like a Prayer“. Es ist ein Wendepunkt ihrer Karriere. Sie wird endgültig als ernstzunehmende Künstlerin wahrgenommen. Charakteristisch für das Album sind die religiösen, insbesondere katholischen Inhalte. „Like a Prayer“ widmet die Sängerin ihrer verstorbenen Mutter, „die ihr das Beten beibrachte“.
Den Titelsong „Like a Prayer“ beginnt Madonna mit dem Wort „Gott“, das sie wie ein Gebetsruf ins Off ruft. Das religiöse Universum wird betreten. Musikalisch wird der religiöse Bezug durch den Einsatz von Orgel und Gospelchor hergestellt. Dadurch schwingt im Lied die Atmosphäre eines Gottesdienstes mit. Der Text erzählt ein mystisches Erlebnis. Eine junge Frau verzehrt sich in Sehnsucht. Im vielschichtigen Liedtext beschreibt Madonna die Gottesbeziehung mit dem Vokabular einer erotischen Liebesbeziehung.
Das Leben ist ein Geheimnis
Jeder muss es allein durchstehen
Ich höre, wie du meinen Namen rufst
Und es fühlt sich an wie zu Hause
Wenn du meinen Namen rufst
Ist es wie ein kleines Gebet
Ich bin unten auf meinen Knien
Ich will dich dorthin führen
In der Mitternachtsstunde kann ich deine Kraft spüren
Wie in einem Gebet, weißt du, werde ich dich dorthin führen
Ich höre deine Stimme
Sie ist wie das Seufzen eines Engels
Ich habe keine Wahl, ich höre deine Stimme
Ich fühle, als ob ich flöge
Ich schließe meine Augen
Oh Gott, ich glaube, ich falle
Vom Himmel herunter
Ich schließe meine Augen
Lieber Himmel, bitte hilf mir
Wie ein Kind flüsterst du sanft zu mir
Du bist in meiner Obhut, genau wie ein Kind
Jetzt tanze ich
Es ist wie ein Traum
Kein Ende und kein Anfang
Du bist hier mit mir, es ist wie ein Traum
„Like a Prayer“ erzählt von einer mystischen Vereinigung mit Gott, einer sogenannten Unio Mystica. Der Songtext könnte auch aus der mystischen Liebeslyrik des Mittelalters stammen. Diese beschreibt die Liebe des Geliebten, nämlich Jesus Christus, zur menschlichen Seele. So dichtet etwa die Hl. Theresa von Avila über den göttlichen Liebespfeil in ihrer Seele:
Der mich traf, das war ein Pfeil,
Den die Liebe abgeschossen;
Sieh', da wurde meine Seele
Eins mit dem, der sie erschaffen.
Nun such' ich andre Liebe nimmer,
Da meinem Gott ich mich ergeben,
Und mein Geliebter an meiner Statt,
Und ich an Statt des Geliebten bin.
Madonna und die Provokation. Die Gemüter erregte weniger das Lied als vielmehr das Musikvideo. Wie es bei Madonna oft der Fall ist, kommt dem Video für die Interpretation des Liedes eine herausragende Rolle zu. Es verstärkt die mystisch-erotische Spannung des Liedes durch die Handlung und ekstatische Bilder. Über den Songtext hinaus gehend, verbindet es das Lied auch mit dem Rassismus-Thema, indem brennende Kreuze zu sehen sind, die auf den Ku-Klux-Klan verweisen. Das Musikvideos hat folgende Handlung: Madonna wird Zeugin eines Überfalls weißer Männer auf eine Frau; ein Farbiger, der dem Opfer zu Hilfe kommt, wird jedoch von der Polizei als Täter festgenommen. Madonna findet Zuflucht in einer Kirche, in der die Statue eines farbigen Heiligen steht, zu dem sie betet. Sie legt sich auf die Kirchenbank, schläft ein, fliegt in die Arme einer farbigen Gospelsängerin und träumt schließlich davon, dass die Statue des Heiligen lebendig wird, zu ihr spricht und sie küsst. Aus dem Traum erwacht geht Madonna zur Polizei und bezeugt die Unschuld des Gefangenen. Dieser wird daraufhin frei gelassen.
Zur Deutung des Videos: Madonna aktualisiert im freizügigen Outfit die ekstatischen Freuden, die Theresa von Avila in ihrer mystischen Vereinigung mit Christus hatte. Durchaus noch im Rahmen der katholischen Heiligenfrömmigkeit verbindet sie sich in der Unio Mystica durch einen Kuss nicht etwa mit Christus, sondern mit einem Heiligen. Das Ganze durchmischt Madonna dann noch mit dem enthusiastischen Gospelgesang farbiger Gemeinden und, wie sollte es anders sein, einem Hauch Erotik.
Zudem verarbeitet sie zwei Bibelstellen visuell. In der einen, Jesaja 42,6f., spricht Gott zum leidenden Gottesknecht: Ich habe dich geschaffen und dazu bestimmt, Gefangene aus dem Kerker zu holen und alle, die im Dunkel sitzen, aus ihrer Haft zu befreien. In der zweiten Bibelstelle, Matthäus 25,35ff., identifiziert sich Jesus mit den Gefangenen: Wer einen Gefangenen besucht, der verhält sich so, als würde er Jesus selbst im Gefängnis besuchen. Madonna tut im Video beides, einen Gefangenen besuchen und ihn befreien. Die Interaktion zwischen Text, Musik und Bild ist äußerst komplex. Das Musikvideo ist keine Blasphemie, wie manche meinen. Es ist vielmehr eine ästhetische Inszenierung der Bibel und katholischer Frömmigkeit.
„Like a Prayer“, das Lied gilt als Madonnas anspruchsvollstes. Nicht ohne Grund. Es ist eine musikalische und zeitgenössische Neuinterpretation mittelalterlicher Liebesmystik. Bald nach dem Lied wendete sich Madonna selbst der jüdischen Kabbalamystik zu. Sie sagt selbst über den Inhalt des Songs: [Eine Frau] „liebt Gott fast so, als ob Er die männliche Gestalt in ihrem Leben sei“.
Nur wer selbst einmal eine mystische Erfahrung gemacht hat, so glaube ich, ist fähig, eine solche zu schildern. „Like a Prayer“ spiegelt wohl ein eigenes mystisches Erlebnis Madonnas wider. Über ihr Gebetsleben gestand Madonna einmal: „Ich bete, wenn ich Probleme habe oder wenn ich glücklich bin. In extremen Gefühlslagen jeglicher Art. Ich bete, wenn ich mich so toll fühle, daß ich denke, ich muß bei mir selbst Einkehr halten und mir bewußtmachen, wie schön das Leben ist.“
Literatur:
Mick St. Michael (hg.) – Madonna – In eigenen Worten, Heidelberg 2001, Palmyra Verlag
„Heaven For Everyone“ - Queen-Gottesdienst
Vincenzo Petracca, 10.07.2022, Heiliggeistkirche Heidelberg
Ansprache 1: Einführung zu Queen
Queen, eine der innovativsten, erfolgreichsten und schillerndsten Rockbands aller Zeiten. Ein einziges Musikgenre war der Band immer zu langweilig: So spielt sie nicht nur laute Hardrock-Songs, sondern auch Glitzerrock, Rock’n’Roll, Disco und Pop-Balladen. Sie nimmt Anleihen bei der Operette, dem Ballett und Johann Sebastian Bach (vgl. Liedzeile „I want to ride my bicycle" in „Bicycle Race“ mit Bachs Kantate „Was Gott tut, das ist wohlgetan“ BWV 100) genauso wie bei der Gospelmusik, wir hörten es gerade im Lied „Somebody To Love“.
Queen wurde 1970 in London gegründet. Trotz einiger Umbesetzungen gibt es die Band bis heute. Allerdings erschien seit dem Tod ihres legendären Frontmanns Anfang der 90er nur noch ein neues Album, dafür zahlreiche „Best Of“- Alben oder Neuauflagen alter Hits. Beispielsweise hören wir später den Hit „We Are The Champions“ aus dem Jahr 1977. Im Frühjahr 2020 hat er eine Neuinterpretation bekommen. Mit dem Lied dankt Queen den Corona-Heldinnen und - Helden. Der Erlös geht an den Corona-Hilfsfond der Weltgesundheitsorganisation. Der Song ist (Zitat) „für alle, die an vorderster Front gegen das Coronavirus kämpfen“, so heißt es zu Beginn des Musikvideos. Im Video werden menschenleere Städte gezeigt. Volle Krankenhäuser. Krankenhauspersonal mit Schutzmasken. Menschen, die sich mit Schildern bei den Helferinnen und Helfern bedanken. Um ihre Solidarität mit den Helfenden zu zeigen, änderte die Band den berühmten Refrain ab. Aus „We Are The Champions“ - Wir sind die Champions - machte sie kurzerhand „You Are The Champions“ - Ihr seid die Champions. Das Lied lenkt für mich den Blick auf ein drängendes gesellschaftliches Problem: Während der 1. Coronawelle gab es viel Applaus für die Pflegekräfte, doch jetzt fühlen sie sich nicht mehr wertgeschätzt und unterbezahlt. Ihre Probleme geraten aus dem Blick.
Queen besteht aus lauter großen Musikern, ihr Bandleader freilich war einer der größten Rockstars überhaupt: Freddie Mercury. Er war vieles: hedonistischer Rockstar, charismatischer Sänger, begnadeter Songschreiber, Wegbereiter der homosexuellen Emanzipation. Seine Stimme umfasste vier Oktaven. Auf der Bühne trat er mit gepuderter Nase, Königsmantel und überdimensionaler Krone auf. Es gab keinen, der bei Live-Konzerten eine solch mitreißende, zugleich auch musikalisch so hochstehende Performance bieten konnte. Großspurig auf der Bühne, gab er indes über sein Privatleben nur wenig preis. Bis zu seinem Tod gab er nur eine Handvoll Interviews. Gleichwohl machte er Schlagzeilen mit seinem Lebenswandel. Er gab Partys, die selbst für die damalige „Sex and Drugs and Rock’n’Roll“-Generation ungewöhnlich ausschweifend waren. Die Zeitschrift Focus charakterisierte ihn so: „Stimme: unerreicht! Bühnenpräsenz: unerreicht! Eskapaden: unerreicht!“
Im November 1991 überraschte Freddie Mercury mit einem öffentlichen Bekenntnis zu seiner HIV-Erkrankung. Die Krankheit galt damals vielen als Folge eines lasterhaften Lebens und betraf angeblich nur Homosexuelle. Wir wissen heute, beides ist ein falsches Vorurteil.
Vorurteile. Vorurteile gegenüber homosexuellen Menschen beschämen uns im Moment in der Altstadt: Die Regenbogenflagge an der Jesuitenkirche wurde abgerissen. Queerfeindliche Parolen wurden an Gebäuden der theologischen Fakultät geschmiert. Wir als Heiliggeistkirche verurteilen jede Art von Hass, Aggression und Hetze gegenüber queeren Menschen scharf! Seit Jahren trauen wir hier in der Kirche homosexuelle Hochzeitspaare. Der Grund ist, dass wir alle Menschen, unabhängig ihrer sexuellen Orientierung, als Ebenbilder Gott verstehen, von ihm bedingungslos geliebt.
Keine 24 Stunden nach seinem Bekenntnis erlag Freddie Mercury den Folgen einer Lungenentzündung. Die komplette Rock-Welt versank in einen Zustand des Schocks und der Trauer. Er war da erst 45 Jahre alt und auf dem Höhepunkt seiner musikalischen Karriere, schon zu Lebzeiten eine Ikone geworden. Beim Tribute-Konzert zu Ehren des verstorbenen Sängers gab es einen sehr berührenden Moment: Vor 70.000 Fans ging David Bowie auf der Bühne spontan in die Knie und betete das Vaterunser.
Seit 15 Jahren war auch eine Filmbiografie über Freddie Mercury geplant, doch das Projekt verzögerte sich Jahr um Jahr. Bis der Film endlich ein Jahr vor Corona unter dem Titel „Bohemian Rhapsody“ ins Kino kam.
Nachdem Mercury von seiner Aids-Erkrankung erfahren hatte, setzte er - trotz bereits stark angegriffener Gesundheit - die Arbeit am Album „Innuendo“ fort. Einige Songs sind vom baldigen Tod des Rockstars geprägt. Wir hören aus diesem Album den Song „All God’s People“.
Queen, eine der innovativsten, erfolgreichsten und schillerndsten Rockbands aller Zeiten. Ein einziges Musikgenre war der Band immer zu langweilig: So spielt sie nicht nur laute Hardrock-Songs, sondern auch Glitzerrock, Rock’n’Roll, Disco und Pop-Balladen. Sie nimmt Anleihen bei der Operette, dem Ballett und Johann Sebastian Bach (vgl. Liedzeile „I want to ride my bicycle" in „Bicycle Race“ mit Bachs Kantate „Was Gott tut, das ist wohlgetan“ BWV 100) genauso wie bei der Gospelmusik, wir hörten es gerade im Lied „Somebody To Love“.
Queen wurde 1970 in London gegründet. Trotz einiger Umbesetzungen gibt es die Band bis heute. Allerdings erschien seit dem Tod ihres legendären Frontmanns Anfang der 90er nur noch ein neues Album, dafür zahlreiche „Best Of“- Alben oder Neuauflagen alter Hits. Beispielsweise hören wir später den Hit „We Are The Champions“ aus dem Jahr 1977. Im Frühjahr 2020 hat er eine Neuinterpretation bekommen. Mit dem Lied dankt Queen den Corona-Heldinnen und - Helden. Der Erlös geht an den Corona-Hilfsfond der Weltgesundheitsorganisation. Der Song ist (Zitat) „für alle, die an vorderster Front gegen das Coronavirus kämpfen“, so heißt es zu Beginn des Musikvideos. Im Video werden menschenleere Städte gezeigt. Volle Krankenhäuser. Krankenhauspersonal mit Schutzmasken. Menschen, die sich mit Schildern bei den Helferinnen und Helfern bedanken. Um ihre Solidarität mit den Helfenden zu zeigen, änderte die Band den berühmten Refrain ab. Aus „We Are The Champions“ - Wir sind die Champions - machte sie kurzerhand „You Are The Champions“ - Ihr seid die Champions. Das Lied lenkt für mich den Blick auf ein drängendes gesellschaftliches Problem: Während der 1. Coronawelle gab es viel Applaus für die Pflegekräfte, doch jetzt fühlen sie sich nicht mehr wertgeschätzt und unterbezahlt. Ihre Probleme geraten aus dem Blick.
Queen besteht aus lauter großen Musikern, ihr Bandleader freilich war einer der größten Rockstars überhaupt: Freddie Mercury. Er war vieles: hedonistischer Rockstar, charismatischer Sänger, begnadeter Songschreiber, Wegbereiter der homosexuellen Emanzipation. Seine Stimme umfasste vier Oktaven. Auf der Bühne trat er mit gepuderter Nase, Königsmantel und überdimensionaler Krone auf. Es gab keinen, der bei Live-Konzerten eine solch mitreißende, zugleich auch musikalisch so hochstehende Performance bieten konnte. Großspurig auf der Bühne, gab er indes über sein Privatleben nur wenig preis. Bis zu seinem Tod gab er nur eine Handvoll Interviews. Gleichwohl machte er Schlagzeilen mit seinem Lebenswandel. Er gab Partys, die selbst für die damalige „Sex and Drugs and Rock’n’Roll“-Generation ungewöhnlich ausschweifend waren. Die Zeitschrift Focus charakterisierte ihn so: „Stimme: unerreicht! Bühnenpräsenz: unerreicht! Eskapaden: unerreicht!“
Im November 1991 überraschte Freddie Mercury mit einem öffentlichen Bekenntnis zu seiner HIV-Erkrankung. Die Krankheit galt damals vielen als Folge eines lasterhaften Lebens und betraf angeblich nur Homosexuelle. Wir wissen heute, beides ist ein falsches Vorurteil.
Vorurteile. Vorurteile gegenüber homosexuellen Menschen beschämen uns im Moment in der Altstadt: Die Regenbogenflagge an der Jesuitenkirche wurde abgerissen. Queerfeindliche Parolen wurden an Gebäuden der theologischen Fakultät geschmiert. Wir als Heiliggeistkirche verurteilen jede Art von Hass, Aggression und Hetze gegenüber queeren Menschen scharf! Seit Jahren trauen wir hier in der Kirche homosexuelle Hochzeitspaare. Der Grund ist, dass wir alle Menschen, unabhängig ihrer sexuellen Orientierung, als Ebenbilder Gott verstehen, von ihm bedingungslos geliebt.
Keine 24 Stunden nach seinem Bekenntnis erlag Freddie Mercury den Folgen einer Lungenentzündung. Die komplette Rock-Welt versank in einen Zustand des Schocks und der Trauer. Er war da erst 45 Jahre alt und auf dem Höhepunkt seiner musikalischen Karriere, schon zu Lebzeiten eine Ikone geworden. Beim Tribute-Konzert zu Ehren des verstorbenen Sängers gab es einen sehr berührenden Moment: Vor 70.000 Fans ging David Bowie auf der Bühne spontan in die Knie und betete das Vaterunser.
Seit 15 Jahren war auch eine Filmbiografie über Freddie Mercury geplant, doch das Projekt verzögerte sich Jahr um Jahr. Bis der Film endlich ein Jahr vor Corona unter dem Titel „Bohemian Rhapsody“ ins Kino kam.
Nachdem Mercury von seiner Aids-Erkrankung erfahren hatte, setzte er - trotz bereits stark angegriffener Gesundheit - die Arbeit am Album „Innuendo“ fort. Einige Songs sind vom baldigen Tod des Rockstars geprägt. Wir hören aus diesem Album den Song „All God’s People“.
Ansprache 2: Die Spiritualität von Queen
Manche Lieder von Queen haben einen religiösen Bezug. Freddie Mercury stammt aus einer streng gläubigen Familie von indischen Parsen. Parsen sind eine ethnisch-religiöse Gruppe. Ihre Religion geht auf den Priester Zarathustra zurück. Er lebte knapp 2000 Jahre vor Christus im Persien. Die Griechen nannten ihn „Zoroaster“, daher nennt man seine Religionsgemeinschaft die zoroastrische Religion. Sie ist gekennzeichnet von einem Dualismus zwischen Licht und Finsternis, Gut und Böse. Freddie Mercury machte nie ein Geheimnis aus seinen religiösen Wurzeln. Umso mehr überrascht es, dass Mercury bereits auf dem Debutalbum der Band Queen ein Lied schrieb mit dem Titel „Jesus“. Der Sänger denkt dabei über das Leben und Wirken von (Zitat) „the Lord Jesus“, vom Herrn Jesus, nach. Mit stampfendem Rhythmus und hymnischem Refrain erinnert Mercury an die drei Weisen, die dem Stern von Bethlehem folgen und das Kind finden, das zum neuen Anführer der Menschheit wird. Alle kommen zu diesem Anführer, vor allem Bettler und Leprakranke, um von ihm geheilt zu werden.
Auffällig finde ich, dass der Text zweimal betont: (Zitat) „Es begann alles mit den drei Weisen“. Wir nennen die Drei im Volksmund „Drei Könige“ und so heißt ja auch unser staatlicher Feiertag am 6. Januar. Hintergrund ist eine Bibelstelle aus dem Matthäusevangelium. Dort wird berichtet, dass die Drei einem Stern folgten, der sie nach Bethlehem zur Geburt Jesu, des neuen Königs, führte. Das Matthäusevangelium nennt sie aber weder Könige noch Weise, sondern Mágoi. Das griechische Wort Mágoi kommt aus dem Persischen und bezeichnet ursprünglich die Priester des Zarathustra-Kultes. Wir treffen hier also drei Amtsträger der zoroastrischen Religion. Mit ihnen begann die Geschichte Jesu, singt der Parse Mercury. Und wie sie in der biblischen Geschichte Jesus huldigen, so tut es Freddie Mercury im Lied „Jesus“.
Bekannter vom ersten Queen-Album ist der Mercury-Song „Liar“, weil er live öfter gespielt wurde. Er ist eine Art Liturgie, in dem der Sänger vor dem himmlischen Vater seine Sünden bekennt und um Vergebung bittet. Die Liste der Sünden ist lang, da ist von Diebstahl, Zorn und Lüge die Rede. Der Ausruf „Liar“, Lügner, wird als mehrstimmige Vokal-Kaskade gesungen, wobei „Lügner“ in unzähligen Stimmen übereinander getürmt wird. Dies wird fortan zum Markenzeichen der Band. Der zoroastrische Glaube wird bestimmt durch den ständigen Kampf zwischen Licht und Finsternis. Dieser Dualismus ist auch das maßgebliche Motiv auf Queens zweitem Album. Er wurde auf der Platte sinnlich erfahrbar gemacht. Das Plattencover ist schwarz-weiß gestaltet und die Plattenseiten entsprechend bezeichnet: Die A-Seite heißt die „Weiße Seite“, die B-Seite die „Schwarze Seite“. Dualistisch stehen sich auch zwei Songs gegenüber, die programmatisch Bezug auf den Bandnamen nehmen: Auf der „Weißen Seite“ gibt es ein Lied über die „White Queen“, die „Weiße Queen“; auf der „Schwarzen Seite“ ein Lied über die „Black Queen“, die „Schwarze Queen“.
Danach aber hört die Musikwelt für beinahe zwei Jahrzehnte nichts mehr von Mercurys religiöser Weltsicht, obwohl der Kampf von Licht und Finsternis sicherlich in seinem Inneren weiter ging. In seinen Liedern taucht Mercury nun in seine Fantasie ein und schafft Welten, die von mysteriösen Charakteren bevölkert sind. Er verarbeitet Fantasy-Figuren, subversive Legenden und macht Anspielungen auf Kunstwerke und Bücher. Seine indischen Wurzeln und spirituellen Äußerungen der Anfangsjahre geraten in Vergessenheit. Doch angesichts seines nahen Todes greift Freddie Mercury noch einmal auf sein Frühwerk zurück und schließt damit seinen spirituellen Kreis. Auf seinem letzten zu Lebzeiten veröffentlichten Album „Innuendo“ überrascht er mit dem Song „All God´s People“. Er erinnert an den gospelhaften Stil der Anfangsjahre.
In „All God´s People“ singt Mercury davon, dass Gott (Zitat) „so unglaublich ist“. Alle Menschen sind Gottesleute und gehören zum Volk Gottes. Daher soll man dankbar sein. Daher soll man den Lehren Gottes nicht den Rücken kehren. Die Worte erinnern an das Lied „Liar“. Wird dort aufgezählt, was man nicht tun soll, zählt Mercury in „All God´s People“ auf, was man tun soll: Die Regierenden sollen mit Herz und Gewissen regieren. Wir alle sollen freigebig sein, unser Haus und Herz öffnen und: (Zitat) „Lieben, lieben und frei sein“.
Die Motive Liebe, Gerechtigkeit und Freiheit nimmt Queen vier Jahre nach Freddie Mercurys Tod noch einmal auf. „Heaven For Everyone“ ist eine der letzten Singles der Band. Das Lied ist auf dem posthumen Album „Made In Heaven“ zu finden. Es heißt so, weil Mercury zwar schon tot, aber dennoch seine Stimme zu hören ist. Der Drummer Roger Taylor hatte „Heaven For Everyone“ geschrieben und zehn Jahre zuvor mit Freddie Mercury für sein Soloalbum aufgenommen. Diese Gesangsspur von Freddie Mercury verwendete man nun auf dem Queen-Album. Im Lied „Heaven For Everyone“ singt Queen vom Himmel, vom Himmel auf Erden. Wenn die Welt alle ernähren würde, wenn das Leben allen Spaß machte, wenn alle Liebe übten und wenn die Welt eins und frei wäre: Das könnte der Himmel sein - der Himmel für alle!
Ansprache 2: Interpretation des Liedes "Hallelujah"
Hallelujah. Im Lied gewährt Leonard Cohen intimen Einblick in seine Seele, die vieles erlebt und durchlitten hat. Er sagt dazu: Entstanden ist der Song „aus dem Wunsch meinen Glauben zu bezeugen – und zwar mit Enthusiasmus und Gefühl“. Spüren wir dem einmal nach, entlang dem Text der Erstveröffentlichung.
Now, I've heard there was a secret chord
That David played, and it pleased the Lord
But you don't really care for music, do you?
It goes like this, the fourth, the fifth
The minor fall, the major lift
The baffled king composing Hallelujah
Hallelujah, Hallelujah, Hallelujah, Hallelujah
Ich habe gehört, es gab einen geheimen Akkord
Den David spielte und der dem Herrn gefiel
Aber Du machst dir nichts aus Musik, oder?
Er geht so: die Quarte, die Quinte
Der traurige Abstieg zu "Moll", der fröhliche Aufstieg zu "Dur"
Der verblüffte König komponierte ein Halleluja
Your faith was strong but you needed proof
You saw her bathing on the roof
Her beauty and the moonlight overthrew her
She tied you to a kitchen chair
She broke your throne, and she cut your hair
And from your lips she drew the Hallelujah
Dein Glaube war stark, doch Du brauchtest einen Beweis
Du sahst sie auf dem Dach baden
Ihre Schönheit und das Mondlicht übermannten Dich
Sie band dich an einen Küchenstuhl
Sie zerstörte deinen Thron und sie schnitt dein Haar
Und entriss deinen Lippen das Halleluja
You say I took the name in vain
I don't even know the name
But if I did, well really, what's it to you?
There's a blaze of light in every word
It doesn't matter which you heard
The holy or the broken Hallelujah
Du sagst: Ich missbrauche den Namen Gottes
Dabei kenne ich den Namen nicht einmal
Aber wenn es denn so wäre, welche Bedeutung hat das für Dich?
In jedem Wort flammt eine gewisse Glut
Es ist egal, welches Du gehört hast:
das heilige oder das gebrochene Halleluja
I did my best, it wasn't much
I couldn't feel, so I tried to touch
I've told the truth, I didn't come to fool you
And even though it all went wrong
I'll stand before the Lord of Song
With nothing on my tongue but Hallelujah
Ich gab mein Bestes, viel war es nicht
Ich konnte nichts fühlen, deshalb versuchte ich zu berühren
Ich sage die Wahrheit, ich bin nicht gekommen, Dich zu täuschen
Und obwohl alles falsch gelaufen ist
Werde ich vor dem Gott der Lieder stehen
Mit nichts auf meiner Zunge als Halleluja
Das Lied beginnt mit einem fantasievollen Gedanken: Der Musikerkönig David will Gott mit einem geheimen Akkord gefallen. Doch Gott macht sich anscheinend nichts aus Musik, mutmaßt Cohen im Lied. Dann offenbart er diese geheime Akkordfolge, die im Lied gleichzeitig gespielt werden. Es ist eine aufsteigende Akkordfolge aus Dur- und Moll-Akkorden. Sie geht so: F-Dur, G-Dur, A-Moll, F-Dur. Der König ist selbst so verblüfft über die Schönheit seiner Musik, dass er zum „Hallelujah“ ansetzt.
David, das ist der große biblische Seelenbruder Leonard Cohens. Nach der Bibel ist David musikalisch, schreibt Lieder und spielt ein Saiteninstrument. Er versteht Musik heilend einzusetzen. Seinen Thronvorgänger Saul heilt er mit Harfenspiel von Depressionen. David und Cohen: beide sind Musiker, beide vertreiben mit Musik Depressionen, David die von anderen, Cohen die eigenen. Beide dichten sie wortgewaltige Psalmgebete, die die Tiefen und Abgründe der Seele durchdringen. In einem Gebet von Cohen fühlt er sich „wie David, der sich in die Finsternisse der Liebe begab“. Und weiter bittet er in diesem Gebet den Himmel „fertig zu sein mit dieser Bürde von Herz, mit dieser stolzen Verzweiflung, endlich durch zu sein mit diesem Abgrund der Liebe“. Und noch etwas verbindet David und Cohen: Beide sind lüsterne Frauenhelden.
Wie David sich herunter beugte in die Finsternisse der Liebe und der Libido, erzählt die zweiten Strophe des Liedes. Cohen folgt dabei zunächst der Bibel: Lustbesessen verführt König David die nackt badende Batseba. Indes, die Schönheit ist verheiratet und wird schwanger. David versucht den Ehebruch zu vertuschen, indem er Batsebas Mann ermorden lässt. Doch das erzählt Cohen nicht mehr, denn er wechselt die Szene und mischt die Handlung mit Motiven einer anderen Geschichte. Das ist typisch für Cohen. Seine Liedtexte sind schwer zu interpretierende Lyrik. Bilder, Metaphern und Assoziationen fließen oft übergangslos ineinander. Im Lied „Hallelujah“ bindet Batseba David am Küchenstuhl fest, zerbricht seinen Thron und schneidet seine Haare. Bizarr wirkt es, dass sie dem König in dieser Situation noch ein „Hallelujah“ von den Lippen entlockt. Hintergrund ist dabei die biblische Samson-Geschichte: Samson ist ein Krieger mit herkulischer Kraft. Liebestrunken verrät er der erotischen Delilah das Geheimnis seiner Stärke, nämlich dass seine Haare noch niemals im Leben geschoren wurden. Perfide schneidet Delilah ihm im Schlaf die Haare ab, bindet ihn und stürzt ihn ins Verderben.
In der nächsten Strophe erzählt Cohen dann von sich selbst, von seiner Gottessuche, seinen Sehnsüchten und seinen Abgründen. Im Text stellt er das heilige und das gebrochene Hallelujah auf eine Stufe. Licht und Finsternis, Gebrochenheit und Liebe stehen bei Cohen in einem untrennbaren Verhältnis zueinander. Im Lied „Anthem“ singt er: In allem, was trostlos und finster erscheint, ist ein Riss, durch den das Licht eintritt. Cohen meint dazu: Etwas muss zerbrechen, „bevor wir etwas lernen können. Das ist zumindest meine Erfahrung. Vielleicht kann man drumherum kommen, aber ich bezweifle das. Erst wenn das Herz bricht, wissen wir etwas über die Liebe“.
Im Moment leben wir in Zeiten der Drangsal. Die Pandemie führt uns die Gebrechlichkeit unseres Lebens schmerzhaft vor Augen. Unberührbarkeit und Distanz sind oft der Nähe gewichen. Ja, die Pandemie ist wie ein Riss, der sich durch fast alle Bereiche des Lebens zieht. Dies spiegelt sich auch in unseren Seelen. Und so manche empfinden ihre Existenz als einsam, als trostlos, als gebrochenen. In dieser Situation und in anderen persönlichen Katastrophen mag vielleicht hilfreich sein: Bei Cohen kann man sehen, wie er die eigene Gebrochenheit akzeptiert und annimmt. In seinem Wortschatz: Das ganze Durcheinander miteinander aussöhnt und umarmt. Selbst die Not bringt Cohens Halleluja nicht zum Verstummen. Sein Gotteslob ist komplex und schließt Einsamkeit und Zerrissenheit mit ein. Das macht das Besondere des Liedes aus.
Dies steigert sich zum Schluss des Liedes noch einmal. Wie eine Lebensbeichte hört sich die letzte Strophe an. Cohen greift auf den Anfang zurück und hofft, dass Gott sich vielleicht doch etwas aus Musik macht. Wie David in der Batseba-Geschichte steht er reumütig, mit leeren Händen vor Gott. Im Text heißt es: „Ich gab mein Bestes, viel war es nicht. Und obwohl alles falsch gelaufen ist, werde ich vor dem Gott der Lieder stehen, mit nichts auf meiner Zunge als ein Halleluja.“
Der Kerngedanke des Liedes fasziniert mich: Der Himmel bahnt sich seinen Weg in unsere Herzen nicht durch den Kopf, sondern durch die Sinne. Was wesentlich ist, muss durch das Leben, die Liebe und den Schmerz geläutert werden. Ein Halleluja-Ruf, der sich so kristallisiert, ist kein reines, schönes, perfektes, sondern vielmehr ein gebrochenes Halleluja. Es hat die menschlichen Abgründe durchschritten. Dies alles schwingt für mich in Leonard Cohens „Hallelujah" mit. Er kommentiert das Lied selbst so: „Der Song erklärt, dass es mehrere Formen des Hallelujas gibt und dass alle perfekten wie gebrochenen Hallelujas dieselbe Wertigkeit haben.“
Literatur:
Uwe Birnstein, »Hallelujah«, Leonard Cohen! - Wie Leonard Cohen Gott lobte, Jesus suchte und unsere Herzen berührt, München u.a. 2020
Wolfgang Haberl, Leonard Cohen - Die Macht der Worte, Waiblingen 2018
Manche Lieder von Queen haben einen religiösen Bezug. Freddie Mercury stammt aus einer streng gläubigen Familie von indischen Parsen. Parsen sind eine ethnisch-religiöse Gruppe. Ihre Religion geht auf den Priester Zarathustra zurück. Er lebte knapp 2000 Jahre vor Christus im Persien. Die Griechen nannten ihn „Zoroaster“, daher nennt man seine Religionsgemeinschaft die zoroastrische Religion. Sie ist gekennzeichnet von einem Dualismus zwischen Licht und Finsternis, Gut und Böse. Freddie Mercury machte nie ein Geheimnis aus seinen religiösen Wurzeln. Umso mehr überrascht es, dass Mercury bereits auf dem Debutalbum der Band Queen ein Lied schrieb mit dem Titel „Jesus“. Der Sänger denkt dabei über das Leben und Wirken von (Zitat) „the Lord Jesus“, vom Herrn Jesus, nach. Mit stampfendem Rhythmus und hymnischem Refrain erinnert Mercury an die drei Weisen, die dem Stern von Bethlehem folgen und das Kind finden, das zum neuen Anführer der Menschheit wird. Alle kommen zu diesem Anführer, vor allem Bettler und Leprakranke, um von ihm geheilt zu werden.
Auffällig finde ich, dass der Text zweimal betont: (Zitat) „Es begann alles mit den drei Weisen“. Wir nennen die Drei im Volksmund „Drei Könige“ und so heißt ja auch unser staatlicher Feiertag am 6. Januar. Hintergrund ist eine Bibelstelle aus dem Matthäusevangelium. Dort wird berichtet, dass die Drei einem Stern folgten, der sie nach Bethlehem zur Geburt Jesu, des neuen Königs, führte. Das Matthäusevangelium nennt sie aber weder Könige noch Weise, sondern Mágoi. Das griechische Wort Mágoi kommt aus dem Persischen und bezeichnet ursprünglich die Priester des Zarathustra-Kultes. Wir treffen hier also drei Amtsträger der zoroastrischen Religion. Mit ihnen begann die Geschichte Jesu, singt der Parse Mercury. Und wie sie in der biblischen Geschichte Jesus huldigen, so tut es Freddie Mercury im Lied „Jesus“.
Bekannter vom ersten Queen-Album ist der Mercury-Song „Liar“, weil er live öfter gespielt wurde. Er ist eine Art Liturgie, in dem der Sänger vor dem himmlischen Vater seine Sünden bekennt und um Vergebung bittet. Die Liste der Sünden ist lang, da ist von Diebstahl, Zorn und Lüge die Rede. Der Ausruf „Liar“, Lügner, wird als mehrstimmige Vokal-Kaskade gesungen, wobei „Lügner“ in unzähligen Stimmen übereinander getürmt wird. Dies wird fortan zum Markenzeichen der Band. Der zoroastrische Glaube wird bestimmt durch den ständigen Kampf zwischen Licht und Finsternis. Dieser Dualismus ist auch das maßgebliche Motiv auf Queens zweitem Album. Er wurde auf der Platte sinnlich erfahrbar gemacht. Das Plattencover ist schwarz-weiß gestaltet und die Plattenseiten entsprechend bezeichnet: Die A-Seite heißt die „Weiße Seite“, die B-Seite die „Schwarze Seite“. Dualistisch stehen sich auch zwei Songs gegenüber, die programmatisch Bezug auf den Bandnamen nehmen: Auf der „Weißen Seite“ gibt es ein Lied über die „White Queen“, die „Weiße Queen“; auf der „Schwarzen Seite“ ein Lied über die „Black Queen“, die „Schwarze Queen“.
Danach aber hört die Musikwelt für beinahe zwei Jahrzehnte nichts mehr von Mercurys religiöser Weltsicht, obwohl der Kampf von Licht und Finsternis sicherlich in seinem Inneren weiter ging. In seinen Liedern taucht Mercury nun in seine Fantasie ein und schafft Welten, die von mysteriösen Charakteren bevölkert sind. Er verarbeitet Fantasy-Figuren, subversive Legenden und macht Anspielungen auf Kunstwerke und Bücher. Seine indischen Wurzeln und spirituellen Äußerungen der Anfangsjahre geraten in Vergessenheit. Doch angesichts seines nahen Todes greift Freddie Mercury noch einmal auf sein Frühwerk zurück und schließt damit seinen spirituellen Kreis. Auf seinem letzten zu Lebzeiten veröffentlichten Album „Innuendo“ überrascht er mit dem Song „All God´s People“. Er erinnert an den gospelhaften Stil der Anfangsjahre.
In „All God´s People“ singt Mercury davon, dass Gott (Zitat) „so unglaublich ist“. Alle Menschen sind Gottesleute und gehören zum Volk Gottes. Daher soll man dankbar sein. Daher soll man den Lehren Gottes nicht den Rücken kehren. Die Worte erinnern an das Lied „Liar“. Wird dort aufgezählt, was man nicht tun soll, zählt Mercury in „All God´s People“ auf, was man tun soll: Die Regierenden sollen mit Herz und Gewissen regieren. Wir alle sollen freigebig sein, unser Haus und Herz öffnen und: (Zitat) „Lieben, lieben und frei sein“.
Die Motive Liebe, Gerechtigkeit und Freiheit nimmt Queen vier Jahre nach Freddie Mercurys Tod noch einmal auf. „Heaven For Everyone“ ist eine der letzten Singles der Band. Das Lied ist auf dem posthumen Album „Made In Heaven“ zu finden. Es heißt so, weil Mercury zwar schon tot, aber dennoch seine Stimme zu hören ist. Der Drummer Roger Taylor hatte „Heaven For Everyone“ geschrieben und zehn Jahre zuvor mit Freddie Mercury für sein Soloalbum aufgenommen. Diese Gesangsspur von Freddie Mercury verwendete man nun auf dem Queen-Album. Im Lied „Heaven For Everyone“ singt Queen vom Himmel, vom Himmel auf Erden. Wenn die Welt alle ernähren würde, wenn das Leben allen Spaß machte, wenn alle Liebe übten und wenn die Welt eins und frei wäre: Das könnte der Himmel sein - der Himmel für alle!
"Blowin‘ In The Wind" – Bob-Dylan-Gottesdienst
Vincenzo Petracca, 06.02.2022, Heiliggeistkirche Heidelberg
Ansprache 1: Einführung zu Bob Dylan
Bob Dylan, eine Musiklegende. Nasale Schnodderstimme, Gitarre und Mundharmonika sind seine Markenzeichen. Dabei spielt er auch Klavier und Orgel. Er wurde vor 80 Jahren als Robert Zimmermann in einer Kleinstadt in Minnesota geboren. „Bob“ ist der Spitzname für „Robert“, und - so sagt er selbst - einer spontanen Eingebung folgend wählte er „Dylan“ als Künstlernamen.
Sänger, Songwriter, Lyriker, Folk-Musiker, Rock'n'Roller, Blues-Sänger: Bob Dylan hat viele Gesichter. Er gilt als einer der einflussreichsten Musiker der Popgeschichte. John Lennon sagte einmal, durch Dylans Musik habe er erst gelernt, genau auf Texte zu achten. Dylans Texte sind literarische Meisterwerke. Und Joschka Fischer sagte im Blick auf die 68er-Bewegung: Wir waren mehr von Bob Dylan beeinflusst als von Karl Marx.
Überraschend hat Dylan als bisher einziger Musiker den Nobelpreis für Literatur bekommen, im Jahr 2016. Charakteristisch für Dylans eigensinnige und undurchsichtige Persönlichkeit ist, dass er auf die Preisverleihung mit Schweigen reagierte. Erst ein halbes Jahr später holte er sich die Medaille ab, als er sowieso in Stockholm war. Das Nobelkomitee begründete damals seine Kür so: „Bob Dylans Lieder wurzeln in der reichen Tradition der amerikanischen Volksmusik und werden von den Dichtern der Moderne und der Beatnik-Bewegung beeinflusst. Schon früh beinhalteten seine Texte soziale Kämpfe und politischen Protest. Liebe und Religion sind weitere wichtige Themen in seinen Liedern. Sein Schreiben ist oft von raffinierten Reimen geprägt und malt überraschende, manchmal surreale Bilder. Seit seinem Debüt 1962 hat er seine Lieder und Musik immer wieder neu erfunden“.
Ansprache 2: Interpretation von Blowin‘ in the Wind
April `62. Der 21-jährigen Bob Dylan sitzt in einem Folk-Café in New York. Plötzlich überkommt ihn eine Song-Idee. Er packt seine Gitarre aus und beginnt ein Lied zu schreiben. Gerade mal 10 Minuten braucht er für den Text, denn er nach eigener Aussage „einfach so hinschreibt“. „Blowin‘ in the Wind“ ist fertig. Zumindest zwei Strophen, die mittlere kommt wenig später hinzu. Mit dem Lied gelingt Dylan der Durchbruch, ein Weltstar ist geboren.
„Blowin‘ in the Wind“ ist ein Protestlied gegen Ungerechtigkeit und Krieg. Es setzt sich aus neun Fragen zusammen und beginnt mit der Frage: „Wie lange muss ein Mensch eigentlich gehen, ehe er als ein Mensch gilt?“ Man mag an Probleme Heranwachsender denken, indes: Die Frage ist politisch gemeint. Mit der Melodie lehnt sich Dylan an einen alten Spiritual an, einem Hoffnungslied amerikanischer Sklaven. Darauf ist auch die Eingangsfrage gemünzt, nämlich auf die Rassentrennung in den USA. Deutlicher spricht es die Frage in der 2. Strophe aus: „Wie lange müssen manche Menschen noch warten, bevor sie endlich frei sein dürfen?“ Endlich frei! Farbige wurden damals als Menschen 2. Klasse behandelt. Sie wurden ihrer Menschenwürde beraubt. Ein Jahr später sang Dylan auf dem berühmten Marsch der Bürgerrechtsbewegung auf Washington. Auch „Blowin‘ in the Wind“ wurden da gesungen, inzwischen bereits gecovert. 250.000 Menschen marschierten für Freiheit und Gleichheit, speziell für die farbige Bevölkerung. Martin Luther King hielt dabei seine berühmte Rede: „I Have a Dream“. Ich habe einen Traum. Seine Rede endet mit der Vision, dass Farbige wie Weiße, Juden wie Nichtjuden, Protestanten wie Katholiken sich die Hände reichen und die Worte des Spirituals singen: „Endlich frei! Endlich frei! Großer allmächtiger Gott, wir sind endlich frei!“ Dies alles schwingt in Dylans Frage nach der Freiheit mit. Entsprechend wurde das Lied innerhalb kürzester Zeit zur Hymne der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung. Und auch die heutige Black Lives Matter-Bewegung bezieht sich wieder auf Dylans Protestsong.
„Blowin‘ in the Wind“ ist aber auch ein Antikriegslied. Die nächsten beiden Fragen drehen sich um Krieg und Frieden. Unmissverständlich heißt es: „Wie oft noch müssen die Kanonenkugeln sprechen, bevor man sie endgültig zum Verstummen bringt?“ Das Lied wird bald nach seiner Entstehung bei Demos gegen den Vietnam-Krieg gesungen. Aber auch rund 40 Jahre später ertönt dieses Lied auf Demos gegen den Irak-Krieg wieder. Und vielleicht hat jemand von ihnen, als wir die Zeilen vorhin hörten, voll Sorge und Bangen an die Ukraine gedacht.
Um seine Friedenshoffnung zu umschreiben, greift Dylan in der 2. Frage auf eine bekannte biblische Geschichte zurück, auf die Geschichte der Arche Noah. Als die Sintflut zurückwich, schickte Noah eine Taube aus, um zu prüfen, ob die Flut soweit zurückgegangen war, dass Leben an Land wieder möglich war. Das erste Mal kehrte die Taube von ihrem Meeresflug erfolglos zurück. Sie fand keinen Halt für ihre Füße und keinen Sand zum Ausruhen. Beim zweiten Meeresflug aber brachte sie Hoffnung auf Land mit, denn im Schnabel hatte sie einen frischen Ölzweig. Die hilflos flatternde Taube auf dem Meer verwandelt sich zur Friedenstaube. Auf diesem Hintergrund dichtet Dylan im Lied: „Wie viele Meere muss eine weiße Taube überqueren, bevor sie sich im Sand ausruhen kann?“
Die Naivität der Fragen hat ihre Entsprechung in der Poesie des Refrains. Die Antwort auf die Fragen liegt so nahe. Oder etwa doch nicht? Die Antwort weiß der Wind, lautet der sibyllinische Refrain. Er bleibt rätselhaft und zweideutig. Stellt Dylan nur rhetorische Fragen und meint: Die Antwort ist so offensichtlich, dass sie dir ins Gesicht bläst wie ein kalter Wind? Oder ist es genau umgekehrt zu verstehen: Die Antwort ist so ungreifbar wie der Wind und nie zu fassen? Oder meint der Lyriker vielleicht sogar beides zugleich?
Wichtig ist mir noch etwas anderes: Bob Dylans Text lehnt sich stark an die Bibel an, an das Prophetenbuch Ezechiel Kapitel 12. Wir hörten die Stelle in der Lesung (Ez 12,1-3). In den letzten beiden Strophen nimmt Dylan explizit Bezug darauf. In der Bibel klagt Gott über die Hartherzigkeit der Menschen: „Sie haben Augen zu sehen und sehen nicht.“ Ähnlich formuliert Dylan: „Wie oft kann ein Mensch weggucken und so tun, als würde er nichts sehen?“ Und im nächsten Vers erweitert er dann: „Wie oft muss ein Mensch nach oben schauen, bevor er den Himmel sehen kann?“ Bei Ezechiel heißt es weiter: „Sie haben Ohren zu hören und hören nicht.“ Und Dylan ergänzt: „Wie viele Ohren muss ein Mensch haben, bis er das Weinen der anderen hört?“
Die Antwort weiß der Wind. So Dylan. Und Ezechiel? Das Prophetenbuch hofft, die Verstockten vielleicht doch noch zum Einlenken zu bringen, so dass sie sehen und hören. Hoffnungsvoller noch Jesus, der den Ezechielruf so umformuliert: Wer Ohren hat, der höre!
Die Schlussfrage des Liedes berührt mich dieser Tage tief. Dylan wendet sich nochmals gegen Gewalt und Töten, gegen die vielen Kriege in der Welt. Erinnerungen kommen mir in den Sinn. Die Universitätskirche wenige Schritte von hier, am Tag nach der Amoktat. Erfüllt von tröstlichen Musikklängen. Ich bin als Seelsorger zum Gespräch da. Studierende beten. Schweigen. Zünden Kerzen vor dem Altar an. Hilflos. Ohnmächtig. Weinend.
Es fällt mir ein Satz Hilde Domins ein: „Aber wieder steigt aus unseren leeren hilflosen Händen die Taube auf“.
Und dann Dylans Schlussfrage: „Wie viele müssen denn noch sterben, bevor man merkt, dass es schon viel zu viele sind?“
Ansprache 3: Bob Dylans religiöse Entwicklung
Der religiöse Weg Dylans ist schillernd. Geboren ist er als Jude. Er nutzt er Bibel von Anfang an als Schatzkiste. Unzählige Ideen für seine Songs entnimmt er der Bibel. Oder er erzählt biblische Geschichten nach und aktualisiert sie. Dabei tauchen dann auch biblische Figuren in der Gegenwart auf, mal natürlich, mal skurril, mal fantasievoll.
Dann die Wende der 70er Jahre. Der Sänger taucht in den Drogensumpf ab. Seine Ehe zerbricht und wird geschieden. Die Frau bekommt das Sorgerecht für die vier Kinder. Das alles nimmt Dylan sehr mit. Das Jahr darauf geht er auf Welt-Tournee. Am Ende des Jahres ist er erschöpft. Sein Seelenzustand erreicht einen Tiefpunkt. Dennoch gibt er in den USA weiter Konzerte. Da hat er nach eigener Erzählung ein Erweckungserlebnis. Bei einem Konzert in San Diego wirft jemand ein silbernes Kreuz auf die Bühne. Normalerweise lässt er solche Dinge liegen. Aus einem unerfindlichen Grund indes hebt er es auf, steckt es in die Tasche und vergisst es wieder. Am nächsten Abend ist er nach dem Konzert einsam in seinem Hotelzimmer. Heute Abend brauche ich etwas, was ich wirklich noch nie gehabt habe, sagt er sich. Aber er weiß nicht recht, was. Da greift er in seine Jackentasche und findet das silberne Kreuz. Was er dann erlebt, beschreibt er selbst so: „Da war eine Präsenz im Zimmer, die niemand außer Jesus sein konnte. Jesus hat seine Hand auf mich gelegt. Es war körperlich. Ich habe es gespürt. Ich konnte es am ganzen Leib spüren. Mein ganzer Körper fing an zu zittern. Die Herrlichkeit des Herrn haute mich um und hob mich wieder auf.“
In dieser Zeit ist das Album „Slow Train Coming“ erschienen, dessen Titelsong wir gerade hörten. Die Metapher Zug kommt gern in Spirituals vor und steht für den Zug ins Jenseits. In seiner Biografie schreibt Dylan: „Seit meiner frühesten Kindheit hatte ich Züge gesehen und gehört und mich bei ihrem Anblick und ihren Geräuschen immer geborgen gefühlt“. Zug ist somit für Dylan eine Metapher für Geborgenheit und für das Jenseitige. Auf dem Platten-Cover ist ein Güterzug abgebildet, gezogen von einer Dampflok. Arbeiter legen die Schienen, auf denen der Zug weiterfahren kann. Der Arbeiter im Vordergrund schwingt eine Spitzhacke in Kreuzform: ein deutlicher Hinweis auf Dylans Konversion. Als Gerücht kursierte sie bereits. Eine Musikzeitschrift titelte damals: „Dylan und Gott: Jetzt ist es offiziell!“
Der Titelsong selbst wirkt wie eine Neuauflage seines großen Hits „The Times They Are a-Changin‘“, den wir zu Beginn hörten. In beiden Liedern kündigt Dylan gewaltige Umwälzungen an. In „Slow Train“ gibt er folgende Vorboten an: Während hier Nahrungsmittel vernichtet werden, verhungerten woanders Menschen. Selbstsucht und Heuchelei gewinnen die Oberhand. Nächstenliebe wird gepredigt, aber nicht gelebt. Dylan will dagegen Ernst machen. Ein Jahr später lässt er sich taufen und versteht sich einige Jahre lang als erweckter Christ. Überzeugt schließt er sich einer evangelikal-fundamentalistischen Gruppe an. Er singt missionarische Lieder über Gott, über die Blendung durch den Teufel, über die Sündenvergebung, über die Endzeit. Dann wieder eine Kehrtwendung. Einige Jahre später besinnt sich Dylan wieder stärker auf seine jüdischen Wurzeln. Er meidet nun ausdrücklich religiöse Aussagen. Was charakterisiert Dylans religiöse Entwicklung? Was ihn antreibt, so glaube ich, ist, dass er immer neu und auf kreative Weise nach Gott und dem Sinn des Lebens fragt. Auch nach seinen Ausflügen in christliche und jüdische Welten gibt er seine Suche nicht auf. Die Lieder, die ab Mitte der 80er Jahre entstehen, zeugen von großer spiritueller Weite und Reife. Mit den Mitteln der Lyrik umkreist er das Leben und die Fragen, die es aufwirft: Wo finde ich Trost und Halt? Was tun mit der Angst vor dem Tod? Wie überlebe ich tiefe Traurigkeit? Und, was hat denn Gott mit alledem zu tun?
In einem Interview, das er erst vor kurzem gab, sagte er: „Glaube hat keinen Namen und keine Kategorie. Er ist schräg. Er ist unaussprechlich. Wir degradieren den Glauben, wenn wir über Religion reden“. Ganz ähnlich hätte es der Theologe Dietrich Bonhoeffer sagen können.
Bob Dylans Leben ist voller Überraschungen, der Nobelpreis für Literatur – und im Herbst 1997 eine überraschende Einladung nach Bologna. Papst Johannes Paul II. lädt Bob Dylan im Rahmen eines Glaubenskongresses zu einem kleinen Konzert ein. Einer, der dieser Tage in die Schlagzeilen gekommen ist, ist strikt dagegen: Kardinal Josef Ratzinger, der spätere Papst Benedikt. Für ihn ist Dylan ein „Nihilist“. Aber Papst Johannes Paul setzt sich über die Bedenken hinweg und trifft sich nach dem Konzert auch persönlich mit Dylan. Und, bei der Predigt auf dem Kongress geht er auf den Sänger ein. Der Papst predigt über das Psalmwort, mit dem wir unseren Gottesdienst begannen: „Singt Gott ein neues Lied“ (Ps 96,1). Er spricht über den Atem des Geistes und meint damit den Heiligen Geist, dem diese Heiliggeistkirche geweiht ist. Der Papst sagte: „Jemand von euch hat mir gesagt, dass die Antwort auf die Fragen eures Lebens im Winde wehe. Blowin‘ in the Wind. Das stimmt! Aber nicht in dem Wind, der in Luftwirbeln alles verweht, sondern in dem Wind, der der Atem und die Stimme des Geistes ist, die uns zuruft: ,Komm!'“
Ansprache 4: Einführung zu Forever Young & Knockin‘ on Heaven’s Door
Die letzten beiden Lieder des Gottesdienstes hat Bob Dylan in dem Konzert vor Papst Johannes Paul gesungen. Das nächste heißt „Forever Young“. Es ist ein Segenslied mit biblischem Bezug. Er hat es als Segen für einen seiner Söhne geschrieben. Es ist eines seiner eingängigsten und am wenig rätselhaften Lieder des Poeten. Es beginnt mit biblischen Worten des aaronitischen Segens (Num 6,24): Gott segne und behüte dich! Neben allgemeinen Lebenswünschen enthält das Lied viele biblische Bezüge. Etwa auf den Traum Jakobs, der eine Leiter in den Himmel sieht, auf der Engel hinaufsteigen. Oder auf das Wort aus der Bergpredigt vom festen Fundament, auf das man sein Lebenshaus bauen sollte. Der titelgebende Wunsch, „für immer jung“ zu bleiben, ist nicht im Sinne Ewiger Jugend zu verstehe, vielmehr metaphorisch: Es geht um die Jugend des Herzens, die Jugend der Seele.
Das Schlusslied ist „Knockin‘ on Heaven’s Door“. Das ist Lied ist eigentlich eine Filmmusik. Dylan hat es für den Western „Pat Garret jagt Billy the Kid“ geschrieben. Freilich, das Lied ist ein hintersinniges Antikriegslied mit frommen Hintergrund. Der in der Filmhandlung sterbende Sheriff fordert seine Mutter im Lied auf, seine Waffe zu vergraben. Im Blick hat Dylan aber nicht nur den sterbenden Sheriff, sondern die sterbenden Soldaten auf den Schlachtfeldern. Angesichts des Eintritts ins Himmelreich sind alle Waffen zu vernichten - So Dylans Intention des Liedes!
Sänger, Songwriter, Lyriker, Folk-Musiker, Rock'n'Roller, Blues-Sänger: Bob Dylan hat viele Gesichter. Er gilt als einer der einflussreichsten Musiker der Popgeschichte. John Lennon sagte einmal, durch Dylans Musik habe er erst gelernt, genau auf Texte zu achten. Dylans Texte sind literarische Meisterwerke. Und Joschka Fischer sagte im Blick auf die 68er-Bewegung: Wir waren mehr von Bob Dylan beeinflusst als von Karl Marx.
Überraschend hat Dylan als bisher einziger Musiker den Nobelpreis für Literatur bekommen, im Jahr 2016. Charakteristisch für Dylans eigensinnige und undurchsichtige Persönlichkeit ist, dass er auf die Preisverleihung mit Schweigen reagierte. Erst ein halbes Jahr später holte er sich die Medaille ab, als er sowieso in Stockholm war. Das Nobelkomitee begründete damals seine Kür so: „Bob Dylans Lieder wurzeln in der reichen Tradition der amerikanischen Volksmusik und werden von den Dichtern der Moderne und der Beatnik-Bewegung beeinflusst. Schon früh beinhalteten seine Texte soziale Kämpfe und politischen Protest. Liebe und Religion sind weitere wichtige Themen in seinen Liedern. Sein Schreiben ist oft von raffinierten Reimen geprägt und malt überraschende, manchmal surreale Bilder. Seit seinem Debüt 1962 hat er seine Lieder und Musik immer wieder neu erfunden“.
Ansprache 2: Interpretation von Blowin‘ in the Wind
April `62. Der 21-jährigen Bob Dylan sitzt in einem Folk-Café in New York. Plötzlich überkommt ihn eine Song-Idee. Er packt seine Gitarre aus und beginnt ein Lied zu schreiben. Gerade mal 10 Minuten braucht er für den Text, denn er nach eigener Aussage „einfach so hinschreibt“. „Blowin‘ in the Wind“ ist fertig. Zumindest zwei Strophen, die mittlere kommt wenig später hinzu. Mit dem Lied gelingt Dylan der Durchbruch, ein Weltstar ist geboren.
„Blowin‘ in the Wind“ ist ein Protestlied gegen Ungerechtigkeit und Krieg. Es setzt sich aus neun Fragen zusammen und beginnt mit der Frage: „Wie lange muss ein Mensch eigentlich gehen, ehe er als ein Mensch gilt?“ Man mag an Probleme Heranwachsender denken, indes: Die Frage ist politisch gemeint. Mit der Melodie lehnt sich Dylan an einen alten Spiritual an, einem Hoffnungslied amerikanischer Sklaven. Darauf ist auch die Eingangsfrage gemünzt, nämlich auf die Rassentrennung in den USA. Deutlicher spricht es die Frage in der 2. Strophe aus: „Wie lange müssen manche Menschen noch warten, bevor sie endlich frei sein dürfen?“ Endlich frei! Farbige wurden damals als Menschen 2. Klasse behandelt. Sie wurden ihrer Menschenwürde beraubt. Ein Jahr später sang Dylan auf dem berühmten Marsch der Bürgerrechtsbewegung auf Washington. Auch „Blowin‘ in the Wind“ wurden da gesungen, inzwischen bereits gecovert. 250.000 Menschen marschierten für Freiheit und Gleichheit, speziell für die farbige Bevölkerung. Martin Luther King hielt dabei seine berühmte Rede: „I Have a Dream“. Ich habe einen Traum. Seine Rede endet mit der Vision, dass Farbige wie Weiße, Juden wie Nichtjuden, Protestanten wie Katholiken sich die Hände reichen und die Worte des Spirituals singen: „Endlich frei! Endlich frei! Großer allmächtiger Gott, wir sind endlich frei!“ Dies alles schwingt in Dylans Frage nach der Freiheit mit. Entsprechend wurde das Lied innerhalb kürzester Zeit zur Hymne der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung. Und auch die heutige Black Lives Matter-Bewegung bezieht sich wieder auf Dylans Protestsong.
„Blowin‘ in the Wind“ ist aber auch ein Antikriegslied. Die nächsten beiden Fragen drehen sich um Krieg und Frieden. Unmissverständlich heißt es: „Wie oft noch müssen die Kanonenkugeln sprechen, bevor man sie endgültig zum Verstummen bringt?“ Das Lied wird bald nach seiner Entstehung bei Demos gegen den Vietnam-Krieg gesungen. Aber auch rund 40 Jahre später ertönt dieses Lied auf Demos gegen den Irak-Krieg wieder. Und vielleicht hat jemand von ihnen, als wir die Zeilen vorhin hörten, voll Sorge und Bangen an die Ukraine gedacht.
Um seine Friedenshoffnung zu umschreiben, greift Dylan in der 2. Frage auf eine bekannte biblische Geschichte zurück, auf die Geschichte der Arche Noah. Als die Sintflut zurückwich, schickte Noah eine Taube aus, um zu prüfen, ob die Flut soweit zurückgegangen war, dass Leben an Land wieder möglich war. Das erste Mal kehrte die Taube von ihrem Meeresflug erfolglos zurück. Sie fand keinen Halt für ihre Füße und keinen Sand zum Ausruhen. Beim zweiten Meeresflug aber brachte sie Hoffnung auf Land mit, denn im Schnabel hatte sie einen frischen Ölzweig. Die hilflos flatternde Taube auf dem Meer verwandelt sich zur Friedenstaube. Auf diesem Hintergrund dichtet Dylan im Lied: „Wie viele Meere muss eine weiße Taube überqueren, bevor sie sich im Sand ausruhen kann?“
Die Naivität der Fragen hat ihre Entsprechung in der Poesie des Refrains. Die Antwort auf die Fragen liegt so nahe. Oder etwa doch nicht? Die Antwort weiß der Wind, lautet der sibyllinische Refrain. Er bleibt rätselhaft und zweideutig. Stellt Dylan nur rhetorische Fragen und meint: Die Antwort ist so offensichtlich, dass sie dir ins Gesicht bläst wie ein kalter Wind? Oder ist es genau umgekehrt zu verstehen: Die Antwort ist so ungreifbar wie der Wind und nie zu fassen? Oder meint der Lyriker vielleicht sogar beides zugleich?
Wichtig ist mir noch etwas anderes: Bob Dylans Text lehnt sich stark an die Bibel an, an das Prophetenbuch Ezechiel Kapitel 12. Wir hörten die Stelle in der Lesung (Ez 12,1-3). In den letzten beiden Strophen nimmt Dylan explizit Bezug darauf. In der Bibel klagt Gott über die Hartherzigkeit der Menschen: „Sie haben Augen zu sehen und sehen nicht.“ Ähnlich formuliert Dylan: „Wie oft kann ein Mensch weggucken und so tun, als würde er nichts sehen?“ Und im nächsten Vers erweitert er dann: „Wie oft muss ein Mensch nach oben schauen, bevor er den Himmel sehen kann?“ Bei Ezechiel heißt es weiter: „Sie haben Ohren zu hören und hören nicht.“ Und Dylan ergänzt: „Wie viele Ohren muss ein Mensch haben, bis er das Weinen der anderen hört?“
Die Antwort weiß der Wind. So Dylan. Und Ezechiel? Das Prophetenbuch hofft, die Verstockten vielleicht doch noch zum Einlenken zu bringen, so dass sie sehen und hören. Hoffnungsvoller noch Jesus, der den Ezechielruf so umformuliert: Wer Ohren hat, der höre!
Die Schlussfrage des Liedes berührt mich dieser Tage tief. Dylan wendet sich nochmals gegen Gewalt und Töten, gegen die vielen Kriege in der Welt. Erinnerungen kommen mir in den Sinn. Die Universitätskirche wenige Schritte von hier, am Tag nach der Amoktat. Erfüllt von tröstlichen Musikklängen. Ich bin als Seelsorger zum Gespräch da. Studierende beten. Schweigen. Zünden Kerzen vor dem Altar an. Hilflos. Ohnmächtig. Weinend.
Es fällt mir ein Satz Hilde Domins ein: „Aber wieder steigt aus unseren leeren hilflosen Händen die Taube auf“.
Und dann Dylans Schlussfrage: „Wie viele müssen denn noch sterben, bevor man merkt, dass es schon viel zu viele sind?“
Ansprache 3: Bob Dylans religiöse Entwicklung
Der religiöse Weg Dylans ist schillernd. Geboren ist er als Jude. Er nutzt er Bibel von Anfang an als Schatzkiste. Unzählige Ideen für seine Songs entnimmt er der Bibel. Oder er erzählt biblische Geschichten nach und aktualisiert sie. Dabei tauchen dann auch biblische Figuren in der Gegenwart auf, mal natürlich, mal skurril, mal fantasievoll.
Dann die Wende der 70er Jahre. Der Sänger taucht in den Drogensumpf ab. Seine Ehe zerbricht und wird geschieden. Die Frau bekommt das Sorgerecht für die vier Kinder. Das alles nimmt Dylan sehr mit. Das Jahr darauf geht er auf Welt-Tournee. Am Ende des Jahres ist er erschöpft. Sein Seelenzustand erreicht einen Tiefpunkt. Dennoch gibt er in den USA weiter Konzerte. Da hat er nach eigener Erzählung ein Erweckungserlebnis. Bei einem Konzert in San Diego wirft jemand ein silbernes Kreuz auf die Bühne. Normalerweise lässt er solche Dinge liegen. Aus einem unerfindlichen Grund indes hebt er es auf, steckt es in die Tasche und vergisst es wieder. Am nächsten Abend ist er nach dem Konzert einsam in seinem Hotelzimmer. Heute Abend brauche ich etwas, was ich wirklich noch nie gehabt habe, sagt er sich. Aber er weiß nicht recht, was. Da greift er in seine Jackentasche und findet das silberne Kreuz. Was er dann erlebt, beschreibt er selbst so: „Da war eine Präsenz im Zimmer, die niemand außer Jesus sein konnte. Jesus hat seine Hand auf mich gelegt. Es war körperlich. Ich habe es gespürt. Ich konnte es am ganzen Leib spüren. Mein ganzer Körper fing an zu zittern. Die Herrlichkeit des Herrn haute mich um und hob mich wieder auf.“
In dieser Zeit ist das Album „Slow Train Coming“ erschienen, dessen Titelsong wir gerade hörten. Die Metapher Zug kommt gern in Spirituals vor und steht für den Zug ins Jenseits. In seiner Biografie schreibt Dylan: „Seit meiner frühesten Kindheit hatte ich Züge gesehen und gehört und mich bei ihrem Anblick und ihren Geräuschen immer geborgen gefühlt“. Zug ist somit für Dylan eine Metapher für Geborgenheit und für das Jenseitige. Auf dem Platten-Cover ist ein Güterzug abgebildet, gezogen von einer Dampflok. Arbeiter legen die Schienen, auf denen der Zug weiterfahren kann. Der Arbeiter im Vordergrund schwingt eine Spitzhacke in Kreuzform: ein deutlicher Hinweis auf Dylans Konversion. Als Gerücht kursierte sie bereits. Eine Musikzeitschrift titelte damals: „Dylan und Gott: Jetzt ist es offiziell!“
Der Titelsong selbst wirkt wie eine Neuauflage seines großen Hits „The Times They Are a-Changin‘“, den wir zu Beginn hörten. In beiden Liedern kündigt Dylan gewaltige Umwälzungen an. In „Slow Train“ gibt er folgende Vorboten an: Während hier Nahrungsmittel vernichtet werden, verhungerten woanders Menschen. Selbstsucht und Heuchelei gewinnen die Oberhand. Nächstenliebe wird gepredigt, aber nicht gelebt. Dylan will dagegen Ernst machen. Ein Jahr später lässt er sich taufen und versteht sich einige Jahre lang als erweckter Christ. Überzeugt schließt er sich einer evangelikal-fundamentalistischen Gruppe an. Er singt missionarische Lieder über Gott, über die Blendung durch den Teufel, über die Sündenvergebung, über die Endzeit. Dann wieder eine Kehrtwendung. Einige Jahre später besinnt sich Dylan wieder stärker auf seine jüdischen Wurzeln. Er meidet nun ausdrücklich religiöse Aussagen. Was charakterisiert Dylans religiöse Entwicklung? Was ihn antreibt, so glaube ich, ist, dass er immer neu und auf kreative Weise nach Gott und dem Sinn des Lebens fragt. Auch nach seinen Ausflügen in christliche und jüdische Welten gibt er seine Suche nicht auf. Die Lieder, die ab Mitte der 80er Jahre entstehen, zeugen von großer spiritueller Weite und Reife. Mit den Mitteln der Lyrik umkreist er das Leben und die Fragen, die es aufwirft: Wo finde ich Trost und Halt? Was tun mit der Angst vor dem Tod? Wie überlebe ich tiefe Traurigkeit? Und, was hat denn Gott mit alledem zu tun?
In einem Interview, das er erst vor kurzem gab, sagte er: „Glaube hat keinen Namen und keine Kategorie. Er ist schräg. Er ist unaussprechlich. Wir degradieren den Glauben, wenn wir über Religion reden“. Ganz ähnlich hätte es der Theologe Dietrich Bonhoeffer sagen können.
Bob Dylans Leben ist voller Überraschungen, der Nobelpreis für Literatur – und im Herbst 1997 eine überraschende Einladung nach Bologna. Papst Johannes Paul II. lädt Bob Dylan im Rahmen eines Glaubenskongresses zu einem kleinen Konzert ein. Einer, der dieser Tage in die Schlagzeilen gekommen ist, ist strikt dagegen: Kardinal Josef Ratzinger, der spätere Papst Benedikt. Für ihn ist Dylan ein „Nihilist“. Aber Papst Johannes Paul setzt sich über die Bedenken hinweg und trifft sich nach dem Konzert auch persönlich mit Dylan. Und, bei der Predigt auf dem Kongress geht er auf den Sänger ein. Der Papst predigt über das Psalmwort, mit dem wir unseren Gottesdienst begannen: „Singt Gott ein neues Lied“ (Ps 96,1). Er spricht über den Atem des Geistes und meint damit den Heiligen Geist, dem diese Heiliggeistkirche geweiht ist. Der Papst sagte: „Jemand von euch hat mir gesagt, dass die Antwort auf die Fragen eures Lebens im Winde wehe. Blowin‘ in the Wind. Das stimmt! Aber nicht in dem Wind, der in Luftwirbeln alles verweht, sondern in dem Wind, der der Atem und die Stimme des Geistes ist, die uns zuruft: ,Komm!'“
Ansprache 4: Einführung zu Forever Young & Knockin‘ on Heaven’s Door
Die letzten beiden Lieder des Gottesdienstes hat Bob Dylan in dem Konzert vor Papst Johannes Paul gesungen. Das nächste heißt „Forever Young“. Es ist ein Segenslied mit biblischem Bezug. Er hat es als Segen für einen seiner Söhne geschrieben. Es ist eines seiner eingängigsten und am wenig rätselhaften Lieder des Poeten. Es beginnt mit biblischen Worten des aaronitischen Segens (Num 6,24): Gott segne und behüte dich! Neben allgemeinen Lebenswünschen enthält das Lied viele biblische Bezüge. Etwa auf den Traum Jakobs, der eine Leiter in den Himmel sieht, auf der Engel hinaufsteigen. Oder auf das Wort aus der Bergpredigt vom festen Fundament, auf das man sein Lebenshaus bauen sollte. Der titelgebende Wunsch, „für immer jung“ zu bleiben, ist nicht im Sinne Ewiger Jugend zu verstehe, vielmehr metaphorisch: Es geht um die Jugend des Herzens, die Jugend der Seele.
Das Schlusslied ist „Knockin‘ on Heaven’s Door“. Das ist Lied ist eigentlich eine Filmmusik. Dylan hat es für den Western „Pat Garret jagt Billy the Kid“ geschrieben. Freilich, das Lied ist ein hintersinniges Antikriegslied mit frommen Hintergrund. Der in der Filmhandlung sterbende Sheriff fordert seine Mutter im Lied auf, seine Waffe zu vergraben. Im Blick hat Dylan aber nicht nur den sterbenden Sheriff, sondern die sterbenden Soldaten auf den Schlachtfeldern. Angesichts des Eintritts ins Himmelreich sind alle Waffen zu vernichten - So Dylans Intention des Liedes!
Literatur:
Uwe Birnstein, Forever Young, Bob Dylan! - Wie der Rock-Rebell Gott sucht, Eigensinn lebt und den Frieden besingt, München u.a. 2021
Bob Dylan, Chronicles Volume One, Hamburg 2004
Uwe Birnstein, Forever Young, Bob Dylan! - Wie der Rock-Rebell Gott sucht, Eigensinn lebt und den Frieden besingt, München u.a. 2021
Bob Dylan, Chronicles Volume One, Hamburg 2004
"Don’t Give Up" – Peter-Gabriel-Gottesdienst
Vincenzo Petracca, 26.09.2021, Heiliggeistkirche Heidelberg
Ansprache 1: Peter Gabriel Biografie
Peter Gabriel, ein Superstar. Sowohl als Frontmann der Band Genesis als auch als Solokünstler hat er die Evolution des Rock’n’Roll maßgeblich beeinflusst. Er ist auch Kämpfer für Menschenrechte, Gründer eines Weltmusik-Festivals, Entwickler von digitalen Musikplattformen. Über 50 Jahre dauert jetzt seine Kariere.
Peter Gabriel wuchs in einer Kleinstadt südwestlich von London auf. Sein Vater war Erfinder, der nebenher noch Kühe hielt. Mit 13 wurde Gabriel auf ein Internat geschickt. Seine Mitschüler schikanierten ihn, da er depressiv und unsportlich war. Musik half ihm, über seine Angst und Isolation hinwegzukommen. Das Hören der Beatles war dabei sein Erweckungserlebnis. Er sagt dazu: „Es löste „ein gewaltiges persönliches Erwachen aus, ein Sprung in ein neues Reich“. Seither bedeutet Musik für ihn Therapie. Oder, wie er selbst sagt: In entscheidenden Momenten des Lebens kann man sich an Musik wenden, sie ist ein „emotionaler Werkzeugkasten“.
Mitte der 60er gründete er mit drei Schulkameraden die Band Genesis. In den Siebzigern feierte er als avantgardistischer Bandperformer weltweite Erfolge. Unerwartet verließ er Genesis: Seine Tochter war kurz zuvor bei der Geburt fast gestorben. Der Superstar zog sich in seinen Gemüsegarten zurück und studierte Weltmusik, Religionen und Philosophie. Zwei Jahre später, 1977, folgte seine ersten Solo-Single: „Solsbury Hill“. Gabriel verarbeitet in dem Lied seine Loslösung von Genesis. Er erzählt darin, dass er sich im Bandbetrieb wie in einer seelenlosen Maschinerie fühlte. Er stieg aus der Tretmühle aus, um zu neuen Ufern aufzubrechen. Es folgt die Solokarriere. Sein größter Soloerfolg ist das Album „So“, Mitte der Achtziger. Aus diesem Album sind die Lieder „Mercy Street“ und „Don‘t Give Up“ und auch sein größter Hit „Sledgehammer“.
Ansprache 2: Peter Gabriel und die Religion
„Mercy Street“, ein Lied voller religiöser Bilder. Im Lied träumt eine Frau von einer Straße der Gnade, sucht nach ihr. Sie geht zu einem Priester, der ihre Beichte hört. Er ist eine Art Therapeut und behandelt den Schock, der sie quält. Ihre Seele ist beschädigt, hat gleichsam ein Loch in der Naht. Es ist die Rede davon, dass sie Gnade zu finden hofft, wenn sie Marias Lippen küsst. Sie hofft auf Gnade in den Armen des Vaters.
Gnade, ein tiefreligiöser Begriff. Es löst viele Bilder in mir aus.
Bei Maria denke ich unwillkürlich an Maria, die Mutter Jesu. Die Katholikinnen und Katholiken hoffen bei ihr Gnade zu finden.
Gnade in den Armen des Vaters. Ich denke an das Gleichnis vom verlorenen Sohn im Lukasevangelium. Ein Sohn wendet sich von seinem Vater ab, geht viele leere, dunkle Straßen, bis er zu seinem Vater umkehrt und ihn um Vergebung bittet. Der Vater schließt ihn voll Freude in die Arme.
Straße der Gnade. Für mich klingt eine Stelle aus dem alttestamentlichen Jesajabuch (Jes 40,3-5). Es ist da die Rede, dass die Täler erhöht und die Berge erniedrigt werden. In der unwirtlichen Steppe wird ein Weg gebahnt, durch den das göttliche Licht zu allen Menschen kommt.
„Mercy Street“ ist Peter Gabriels Interpretation des Gedichtbandes „45 Mercy Street“ von Anne Sexton. Anne Sexton war eine amerikanische Dichterin, die auf der Suche nach Gott und seiner Erlösung war.
Peter Gabriel zählt zu den religiösen Popstars, auch wenn man es ihm vielleicht nicht ansieht. Er verwendet gern religiöse und biblische Bilder und Themen. Erzogen wurde er in der christlichen Tradition. Auch wenn er gern über den Buddhismus nachdenkt, so hat ihn das Christentum doch tief geprägt. Irgendwo zwischen Christentum und Buddhismus ist er heute zu verorten, er sagt über sich selbst: „Wenn ich über Gott nachdenke, bin ich Buddhist. Wenn mich Schmerzen und Verzweiflung quälen, bin ich Christ.“
Gabriel kam in die Kritik, weil er die Filmmusik zum Film „Die letzte Versuchung Christi“ schrieb. Manchen christlichen Kreisen war Jesus in dem Film zu menschlich und zu wenig göttlich dargestellt. Zu Unrecht finde ich. Die Evangelien erzählen selbst, dass Jesus ein Mensch war, dem die Versuchung nicht fremd war. Peter Gabriel verteidigte sich damals mit den Worten: „Wenn der Glaube der Menschen so schwach ist, dass er durch einen Film zerstört werden kann, dann kann man nicht viel mit ihm anfangen. Ich denke, dass die Leute ihr eigenes Leben und ihre eigenen Sichtweisen auf Religion als Ergebnis des Films überprüfen können.“ Glauben und eigenes Denken gehören für ihn zusammen. Religion ist eine starke Kraft, die aber auch ins Negative gewendet werden kann. Das religiöse Gefühl braucht den Verstand als Korrektiv. Gabriel sagte einmal: „Seit jeher gibt es eine enge Verbindung von Musik und Religion. Beide berühren direkt und unvermittelt das Herz. Darin steckt eine große Kraft, zum Guten wie zum Schlechten.“
Ansprache 3: Auslegung von „Don‘t Give Up“
Wer kennt es nicht, das Gefühl, in einer scheinbar hoffnungslosen oder ausweglosen Situation festzustecken? Gerade in diesen Coronazeiten, jetzt bereits die 4. Welle. Manchmal finden sich in Songs, die wir schon viele Male achtlos hörten, Botschaften, die wieder Mut geben können. So etwa diese drei Worte: Don‘t Give Up. „Gib nicht auf!“ Ein kurzer Satz mit großem Inhalt!
Den Titel „Don't Give Up“ singt Peter Gabriel im Duett mit Kate Bush. Er sagt zur Entstehung: „Ich sah eine Fernsehsendung mit Interviews von Arbeitslosen. Viele von ihnen haben Beziehungsprobleme, weil sie ihren Selbstrespekt verloren haben. Sie fühlen sich nicht gewollt“. Liebe Gemeinde, an meiner letzten Stelle war ich an der Mannheimer Diakoniekirche. Wir haben dort in die Kirche ein Arbeitslosenzentrum hineingebaut, mit Café und Beratung. Eine Kirche für Menschen ohne und mit Arbeit. Langzeitarbeitslose haben häufig finanzielle Probleme, weil der Hartz lV-Satz nicht ausreicht. Beispielsweise kann sich nicht jeder einen PC oder Internetprovider leisten. Nicht wenige Firmen inserieren aber inzwischen ihre Stellenangebote nur digital. Wir haben daher in der Kirche einen PC-Raum eingerichtet und Bewerbungstrainings am Computer angeboten. Aber Arbeitslose haben nicht nur soziale Probleme, sondern oft genug auch psychische. Einsamkeit, mangelnde gesellschaftliche Wertschätzung, Scham und Resignation sind große Themen. Die Pandemie hat alles noch verschärft. Die lange Arbeitslosigkeit nagt am Selbstwertgefühl. Die 10. abgelehnte Bewerbung vermittelt das Gefühl, nichts mehr zu taugen. Gerade in einer Gesellschaft, die auf Leistung und Erfolg ausgerichtet ist! Im Lied heißt es treffend: „Man hat mich kämpfen gelehrt, siegen. Und ich habe niemals geglaubt, dass ich versagen könnte. Aber jetzt gibt es nichts mehr, wofür es sich zu kämpfen lohnt.“
Das Lied ist quasi eine Kurzgeschichte. Es wird erzählt: Ein einstmals stolzer und durchsetzungsfähiger Mann sieht sich nun ohne Arbeit als Verlierer. Als er an seinen Geburtsort zurückkehrt, hat sich dort ebenfalls alles zum Schlechten verändert. Auch als er in eine andere Stadt zieht, findet er keine Arbeit, denn er ist nicht der einzige Arbeitssuchende. Es gibt zu viele Arbeitslose, zu viele Menschen, die keiner braucht. So singt Gabriel als resignierender Verlierer.
Während passend arrangiert, Kate Bush im Song eine Frau verkörpert, die Hilfestellung anbietet. Sie spricht ihm Mut zu, sagt, dass er noch Freunde habe, dass er alles noch schaffen könne, dass es irgendwo einen Platz gäbe, wo sie alle hingehörten. Es gibt dabei eine Steigerung im Lied. Dem Verlierer wird zunehmend mehr Hoffnung gemacht. Als Grund, nicht aufzugeben, wird zum Schluss gesagt: „Wir sind stolz auf dich.“ Gemeint ist: Seine immer noch vorhandenen Freundinnen und Freunde akzeptieren und respektieren ihn. Unabhängig von althergebrachten Leistungszwängen.
Solidarität und Annahme sind die großen Themen des Liedes. Aber das Lied hat auch religiöse Aspekte. In einem Beatles-Hit wird gefragt (Eleanor Rigdy): „Wo gehören all die einsamen Leute hin?“ Der Beatles-Fan Peter Gabriel gibt im Lied die Antwort: „Irgendwo gibt es einen Platz, wo wir hingehören. Ein Zuhause.“ Es gibt einen Ort der Erlösung, der Erlösung aus Einsamkeit: Das ist eine zutiefst religiöse Antwort! In den biblischen Psalmen heißt es (Ps 68,6): „Gott in seiner heiligen Wohnung bringt die Einsamen nach Hause“. Das meint: Es gibt einen Ort, wohin man nach Hause kommen kann. Wo niemand verjagt wird. Wo alle bleiben können, für immer. Der Himmel ist dieses Zuhause.
Freilich, das ist nicht nur jenseitig zu verstehen. Gerade Jesus hat vom Himmel auf Erden erzählt. Er hat sich den Verlorenen und Ausgeschlossenen zugewandt. Sie angenommen, mit ihnen gegessen und gefeiert. Aus diesem Grund soll auch die christliche Gemeinde ein Ort sein, wo alle hingehören. Die Gemeinde soll sein wie die Freunde im Lied: eine Gemeinschaft, in der alle akzeptiert, respektiert und wertgeschätzt werden. Bei der Leistung und Erfolg keine Rolle spielen. So wie beispielhaft in der Mannheimer Diakoniekirche.
Don't Give Up. Peter Gabriel hat einen Song über Arbeitslosigkeit geschrieben. Freilich, kann man ihn auch viel offener interpretiert. Er sagte einmal in einem Interview: „Es hängen ein paar außergewöhnliche Geschichten an dem Song. Menschen, die sagen, dass es sie davon abgehalten hat, Selbstmord zu begehen“. Die Stärke der Lieder von Gabriel ist, dass sie deutungsoffen bleiben. Sie können auf viele Lebenslagen angewandt werden. Genau das macht den Reiz seiner Texte aus. „Don’t Give Up“ macht Mut, nicht aufzugeben und sich seiner Situation wegen nicht zu schämen. „Gib nicht auf!“ - Drei Worte mit enormem Potenzial! Mit persönlichen Misserfolgen umzugehen sowie schwere Zeiten auszuhalten, sind nach Peter Gabriels eigener Aussage die schwierigsten Dinge, die ein Mensch in seinem Leben zu lernen hat.
Ganz egal, was passieren mag, worauf du keinen Einfluss hast: Gib nicht auf. Du bist nicht allein. Du bist in Liebe eingehüllt. Du brauchst keine Angst zu haben. Es gibt Menschen, die auf dich stolz sind. Es gibt ein Zuhause, einen Himmel, wo alle hingehören. Was auch immer passiert, wie auch immer dir dein Leben zu entgleiten scheint, gib nicht auf!
Ansprache 4: Einführung zu „Solsbury Hill“
Peter Gabriel, ein Superstar. Sowohl als Frontmann der Band Genesis als auch als Solokünstler hat er die Evolution des Rock’n’Roll maßgeblich beeinflusst. Er ist auch Kämpfer für Menschenrechte, Gründer eines Weltmusik-Festivals, Entwickler von digitalen Musikplattformen. Über 50 Jahre dauert jetzt seine Kariere.
Peter Gabriel wuchs in einer Kleinstadt südwestlich von London auf. Sein Vater war Erfinder, der nebenher noch Kühe hielt. Mit 13 wurde Gabriel auf ein Internat geschickt. Seine Mitschüler schikanierten ihn, da er depressiv und unsportlich war. Musik half ihm, über seine Angst und Isolation hinwegzukommen. Das Hören der Beatles war dabei sein Erweckungserlebnis. Er sagt dazu: „Es löste „ein gewaltiges persönliches Erwachen aus, ein Sprung in ein neues Reich“. Seither bedeutet Musik für ihn Therapie. Oder, wie er selbst sagt: In entscheidenden Momenten des Lebens kann man sich an Musik wenden, sie ist ein „emotionaler Werkzeugkasten“.
Mitte der 60er gründete er mit drei Schulkameraden die Band Genesis. In den Siebzigern feierte er als avantgardistischer Bandperformer weltweite Erfolge. Unerwartet verließ er Genesis: Seine Tochter war kurz zuvor bei der Geburt fast gestorben. Der Superstar zog sich in seinen Gemüsegarten zurück und studierte Weltmusik, Religionen und Philosophie. Zwei Jahre später, 1977, folgte seine ersten Solo-Single: „Solsbury Hill“. Gabriel verarbeitet in dem Lied seine Loslösung von Genesis. Er erzählt darin, dass er sich im Bandbetrieb wie in einer seelenlosen Maschinerie fühlte. Er stieg aus der Tretmühle aus, um zu neuen Ufern aufzubrechen. Es folgt die Solokarriere. Sein größter Soloerfolg ist das Album „So“, Mitte der Achtziger. Aus diesem Album sind die Lieder „Mercy Street“ und „Don‘t Give Up“ und auch sein größter Hit „Sledgehammer“.
Ansprache 2: Peter Gabriel und die Religion
„Mercy Street“, ein Lied voller religiöser Bilder. Im Lied träumt eine Frau von einer Straße der Gnade, sucht nach ihr. Sie geht zu einem Priester, der ihre Beichte hört. Er ist eine Art Therapeut und behandelt den Schock, der sie quält. Ihre Seele ist beschädigt, hat gleichsam ein Loch in der Naht. Es ist die Rede davon, dass sie Gnade zu finden hofft, wenn sie Marias Lippen küsst. Sie hofft auf Gnade in den Armen des Vaters.
Gnade, ein tiefreligiöser Begriff. Es löst viele Bilder in mir aus.
Bei Maria denke ich unwillkürlich an Maria, die Mutter Jesu. Die Katholikinnen und Katholiken hoffen bei ihr Gnade zu finden.
Gnade in den Armen des Vaters. Ich denke an das Gleichnis vom verlorenen Sohn im Lukasevangelium. Ein Sohn wendet sich von seinem Vater ab, geht viele leere, dunkle Straßen, bis er zu seinem Vater umkehrt und ihn um Vergebung bittet. Der Vater schließt ihn voll Freude in die Arme.
Straße der Gnade. Für mich klingt eine Stelle aus dem alttestamentlichen Jesajabuch (Jes 40,3-5). Es ist da die Rede, dass die Täler erhöht und die Berge erniedrigt werden. In der unwirtlichen Steppe wird ein Weg gebahnt, durch den das göttliche Licht zu allen Menschen kommt.
„Mercy Street“ ist Peter Gabriels Interpretation des Gedichtbandes „45 Mercy Street“ von Anne Sexton. Anne Sexton war eine amerikanische Dichterin, die auf der Suche nach Gott und seiner Erlösung war.
Peter Gabriel zählt zu den religiösen Popstars, auch wenn man es ihm vielleicht nicht ansieht. Er verwendet gern religiöse und biblische Bilder und Themen. Erzogen wurde er in der christlichen Tradition. Auch wenn er gern über den Buddhismus nachdenkt, so hat ihn das Christentum doch tief geprägt. Irgendwo zwischen Christentum und Buddhismus ist er heute zu verorten, er sagt über sich selbst: „Wenn ich über Gott nachdenke, bin ich Buddhist. Wenn mich Schmerzen und Verzweiflung quälen, bin ich Christ.“
Gabriel kam in die Kritik, weil er die Filmmusik zum Film „Die letzte Versuchung Christi“ schrieb. Manchen christlichen Kreisen war Jesus in dem Film zu menschlich und zu wenig göttlich dargestellt. Zu Unrecht finde ich. Die Evangelien erzählen selbst, dass Jesus ein Mensch war, dem die Versuchung nicht fremd war. Peter Gabriel verteidigte sich damals mit den Worten: „Wenn der Glaube der Menschen so schwach ist, dass er durch einen Film zerstört werden kann, dann kann man nicht viel mit ihm anfangen. Ich denke, dass die Leute ihr eigenes Leben und ihre eigenen Sichtweisen auf Religion als Ergebnis des Films überprüfen können.“ Glauben und eigenes Denken gehören für ihn zusammen. Religion ist eine starke Kraft, die aber auch ins Negative gewendet werden kann. Das religiöse Gefühl braucht den Verstand als Korrektiv. Gabriel sagte einmal: „Seit jeher gibt es eine enge Verbindung von Musik und Religion. Beide berühren direkt und unvermittelt das Herz. Darin steckt eine große Kraft, zum Guten wie zum Schlechten.“
Ansprache 3: Auslegung von „Don‘t Give Up“
Wer kennt es nicht, das Gefühl, in einer scheinbar hoffnungslosen oder ausweglosen Situation festzustecken? Gerade in diesen Coronazeiten, jetzt bereits die 4. Welle. Manchmal finden sich in Songs, die wir schon viele Male achtlos hörten, Botschaften, die wieder Mut geben können. So etwa diese drei Worte: Don‘t Give Up. „Gib nicht auf!“ Ein kurzer Satz mit großem Inhalt!
Den Titel „Don't Give Up“ singt Peter Gabriel im Duett mit Kate Bush. Er sagt zur Entstehung: „Ich sah eine Fernsehsendung mit Interviews von Arbeitslosen. Viele von ihnen haben Beziehungsprobleme, weil sie ihren Selbstrespekt verloren haben. Sie fühlen sich nicht gewollt“. Liebe Gemeinde, an meiner letzten Stelle war ich an der Mannheimer Diakoniekirche. Wir haben dort in die Kirche ein Arbeitslosenzentrum hineingebaut, mit Café und Beratung. Eine Kirche für Menschen ohne und mit Arbeit. Langzeitarbeitslose haben häufig finanzielle Probleme, weil der Hartz lV-Satz nicht ausreicht. Beispielsweise kann sich nicht jeder einen PC oder Internetprovider leisten. Nicht wenige Firmen inserieren aber inzwischen ihre Stellenangebote nur digital. Wir haben daher in der Kirche einen PC-Raum eingerichtet und Bewerbungstrainings am Computer angeboten. Aber Arbeitslose haben nicht nur soziale Probleme, sondern oft genug auch psychische. Einsamkeit, mangelnde gesellschaftliche Wertschätzung, Scham und Resignation sind große Themen. Die Pandemie hat alles noch verschärft. Die lange Arbeitslosigkeit nagt am Selbstwertgefühl. Die 10. abgelehnte Bewerbung vermittelt das Gefühl, nichts mehr zu taugen. Gerade in einer Gesellschaft, die auf Leistung und Erfolg ausgerichtet ist! Im Lied heißt es treffend: „Man hat mich kämpfen gelehrt, siegen. Und ich habe niemals geglaubt, dass ich versagen könnte. Aber jetzt gibt es nichts mehr, wofür es sich zu kämpfen lohnt.“
Das Lied ist quasi eine Kurzgeschichte. Es wird erzählt: Ein einstmals stolzer und durchsetzungsfähiger Mann sieht sich nun ohne Arbeit als Verlierer. Als er an seinen Geburtsort zurückkehrt, hat sich dort ebenfalls alles zum Schlechten verändert. Auch als er in eine andere Stadt zieht, findet er keine Arbeit, denn er ist nicht der einzige Arbeitssuchende. Es gibt zu viele Arbeitslose, zu viele Menschen, die keiner braucht. So singt Gabriel als resignierender Verlierer.
Während passend arrangiert, Kate Bush im Song eine Frau verkörpert, die Hilfestellung anbietet. Sie spricht ihm Mut zu, sagt, dass er noch Freunde habe, dass er alles noch schaffen könne, dass es irgendwo einen Platz gäbe, wo sie alle hingehörten. Es gibt dabei eine Steigerung im Lied. Dem Verlierer wird zunehmend mehr Hoffnung gemacht. Als Grund, nicht aufzugeben, wird zum Schluss gesagt: „Wir sind stolz auf dich.“ Gemeint ist: Seine immer noch vorhandenen Freundinnen und Freunde akzeptieren und respektieren ihn. Unabhängig von althergebrachten Leistungszwängen.
Solidarität und Annahme sind die großen Themen des Liedes. Aber das Lied hat auch religiöse Aspekte. In einem Beatles-Hit wird gefragt (Eleanor Rigdy): „Wo gehören all die einsamen Leute hin?“ Der Beatles-Fan Peter Gabriel gibt im Lied die Antwort: „Irgendwo gibt es einen Platz, wo wir hingehören. Ein Zuhause.“ Es gibt einen Ort der Erlösung, der Erlösung aus Einsamkeit: Das ist eine zutiefst religiöse Antwort! In den biblischen Psalmen heißt es (Ps 68,6): „Gott in seiner heiligen Wohnung bringt die Einsamen nach Hause“. Das meint: Es gibt einen Ort, wohin man nach Hause kommen kann. Wo niemand verjagt wird. Wo alle bleiben können, für immer. Der Himmel ist dieses Zuhause.
Freilich, das ist nicht nur jenseitig zu verstehen. Gerade Jesus hat vom Himmel auf Erden erzählt. Er hat sich den Verlorenen und Ausgeschlossenen zugewandt. Sie angenommen, mit ihnen gegessen und gefeiert. Aus diesem Grund soll auch die christliche Gemeinde ein Ort sein, wo alle hingehören. Die Gemeinde soll sein wie die Freunde im Lied: eine Gemeinschaft, in der alle akzeptiert, respektiert und wertgeschätzt werden. Bei der Leistung und Erfolg keine Rolle spielen. So wie beispielhaft in der Mannheimer Diakoniekirche.
Don't Give Up. Peter Gabriel hat einen Song über Arbeitslosigkeit geschrieben. Freilich, kann man ihn auch viel offener interpretiert. Er sagte einmal in einem Interview: „Es hängen ein paar außergewöhnliche Geschichten an dem Song. Menschen, die sagen, dass es sie davon abgehalten hat, Selbstmord zu begehen“. Die Stärke der Lieder von Gabriel ist, dass sie deutungsoffen bleiben. Sie können auf viele Lebenslagen angewandt werden. Genau das macht den Reiz seiner Texte aus. „Don’t Give Up“ macht Mut, nicht aufzugeben und sich seiner Situation wegen nicht zu schämen. „Gib nicht auf!“ - Drei Worte mit enormem Potenzial! Mit persönlichen Misserfolgen umzugehen sowie schwere Zeiten auszuhalten, sind nach Peter Gabriels eigener Aussage die schwierigsten Dinge, die ein Mensch in seinem Leben zu lernen hat.
Ganz egal, was passieren mag, worauf du keinen Einfluss hast: Gib nicht auf. Du bist nicht allein. Du bist in Liebe eingehüllt. Du brauchst keine Angst zu haben. Es gibt Menschen, die auf dich stolz sind. Es gibt ein Zuhause, einen Himmel, wo alle hingehören. Was auch immer passiert, wie auch immer dir dein Leben zu entgleiten scheint, gib nicht auf!
Ansprache 4: Einführung zu „Solsbury Hill“
Nach dem Segen hören wir das Lied Solsbury Hill. Es erzählt, wie ein Mann den Berg Solsbury Hill im englischen Somerset ersteigt. Beim Erklimmen macht er eine spirituelle Erfahrung. Er hört eine Stimme, vielleicht die Stimme eines Adlers, die spricht: „Komm, pack deine Siebensachen, ich bin gekommen, um dich nach Hause zu holen.“ Es geht um Selbstfindung.
Gabriel verwendet auch in diesem Lied wieder neutestamentliche Anspielungen. Die Evangelien erzählen beispielsweise, dass Jesus sich vor seinem Wirken in die Einsamkeit zurückzog. So auch der Mann im Lied. Seine Freunde halten ihn für einen Spinner, der Wasser in Wein verwandelt. Die Formulierung nimmt Bezug auf die Geschichte von der Hochzeit zu Kana im Johannesevangelium (2,1-11). Jesus verwandelt Wasser in Wein, damit die Hochzeitsfeier weitergehen kann. Das Lied handelt davon, in der Stille zu sich selbst zu finden, Unnötiges loszulassen, um am Fest des Lebens teilzunehmen. Peter Gabriel sagt selbst über das Lied: „Es geht um die Bereitschaft zu verlieren, was du hast und was du dafür bekommen könntest. Es geht darum loszulassen“.
Gabriel verwendet auch in diesem Lied wieder neutestamentliche Anspielungen. Die Evangelien erzählen beispielsweise, dass Jesus sich vor seinem Wirken in die Einsamkeit zurückzog. So auch der Mann im Lied. Seine Freunde halten ihn für einen Spinner, der Wasser in Wein verwandelt. Die Formulierung nimmt Bezug auf die Geschichte von der Hochzeit zu Kana im Johannesevangelium (2,1-11). Jesus verwandelt Wasser in Wein, damit die Hochzeitsfeier weitergehen kann. Das Lied handelt davon, in der Stille zu sich selbst zu finden, Unnötiges loszulassen, um am Fest des Lebens teilzunehmen. Peter Gabriel sagt selbst über das Lied: „Es geht um die Bereitschaft zu verlieren, was du hast und was du dafür bekommen könntest. Es geht darum loszulassen“.
"Hallelujah" – Leonard-Cohen-Gottesdienst
Vincenzo Petracca, 23.01.2022, Heiliggeistkirche Heidelberg
Ansprache 1: Einführung: Cohen und die Bibel
Der Dichter und das Transzendente, der Popstar und die Bibel, der Jude und Jesus. Leonard Cohens Verhältnis zur Religion ist faszinierend, schimmernd, voller Gegensätze. Cohen ist Kanadier jüdischen Glaubens. Sein Großvater war Rabbi, der ihm stundenlang aus der Bibel vorlas. Cohen notierte einmal in seinem Notizblock: Ich bin „geborgen im Herzen der Bibel“. Geborgen im Herzen der Bibel. Die Bibel ist Inspiration für sein eigenes Denken und Fühlen. Sie ist Quelle für seine Poesie, die das Heilige irgendwie in Worte fassen möchte. Die Bibel besteht für ihn nicht aus einer Sammlung von Dogmen oder Patentrezepten fürs Leben, sondern aus lebendigen Figuren. Die historischen Personen der Bibel sind für ihn Seelenverwandte, in denen er seine eigene Sehnsüchte und Ängste wiederfindet, seine Suche und seine Zerrissenheit, seinen Glauben und seine Zweifel. Er liest die Bibel als einen Schatz an Erfahrungen und Botschaften, die uns helfen, uns selbst und die Welt zu verstehen. Sein jüdischer Glaube angereichert mit buddhistischen Elementen schenkt ihm die Kraft, Drogenexzesse und Depressionen, Liebesschmerz und Irrwege, Finsternis und Abgründe zu überstehen. Er fühlt sich geborgen im Herzen der Bibel.
Cohens Bibel ist zunächst die Bibel der Juden, das Alte Testament. Aber er beschäftigt sich in seinen Liedern auch mit Jesus. Was verbindet der Jude Cohen mit dem Mann aus Nazareth? Cohen ist Jude – so wie Jesus. Jesu Botschaft setzt sich auch nicht grundsätzlich vom jüdischen Glauben ab, sondern ist tief im Judentum verwurzelt. Gerade Hermann Maas, der im 3. Reich Pfarrer hier an der Heiliggeistkirche war, wurde nicht müde dies unter großem persönlichem Einsatz immer wieder zu betonen. Leonard Cohen beschäftigt sich sein ganzes Leben lang mit Jesus, er ist tief von ihm berührt. Einmal sagte er über Jesus: „Er ist vielleicht der prächtigste Kerl, der je auch Erden herumgelaufen ist. Einer, der gesagt hat: „Selig sind die Armen, selig sind die Sanftmütigen“ muss eine Persönlichkeit von einzigartiger Güte, Einsicht und Verrücktheit gewesen sein. Ein Mann, der erklärt, er habe seinen Platz bei den Dieben, den Prostituierten, den Heimatlosen: Seine Position ist mit dem Verstand nicht zu fassen. Es ist eine nicht menschliche Großmut. Eine Großmut, die die Weltordnung über den Haufen werfen würde, wenn sie Schule machen würde, denn nichts könnte diesem Mitgefühl standhalten.“
Ansprache 2: Geschichte des Liedes "Hallelujah"
Hallelujah. Der Jude Leonard Cohen schrieb ein Lied, das Menschen unterschiedlichsten Glaubens auf der ganzen Welt zu Herzen geht. „Hallelujah" ist eine Hymne auf die Liebe, ein Loblied auf die Sinne und zugleich ein Psalm, ein Gebet. Im Song verwebt Cohen das Schicksal biblischer Figuren mit seinen eigenen Sehnsüchten und Zerrissenheitserfahrungen. „Hallelujah" gehört zu den am häufigsten gecoverten Liedern in der Pop-Geschichte. Eine Musik, die gern bei Hochzeiten gespielt wird. Aber unter uns sind auch welche, die ihren Ehepartner verloren haben, und das Lied „Hallelujah“ war Teil der Trauerfeier. Alle kennen das Lied, viele lieben es, und jeder verbindet etwas anderes damit. Es wird auch von Menschen gesungen, die mit herkömmlichen Formen von Frömmigkeit wenig anfangen können und die doch in einem ganz unmittelbaren Sinne Sehnsucht nach dem Unendlichen haben. Und heute tanzen wir das „Hallelujah“ auch! Dem Geheimnis dieses Liedes nähern wir uns auf verschiedene Arten und Weisen: bisher gottesdienstlich mit musikalischem Gebet und Ansprache sowie instrumental mit Zymbal, einem in Osteuropa verbreiteten Instrument; gleich auch mit Gesang und Tanz. Dieser Gottesdienst ist eine Suchbewegung. Auch für Leonard Cohen selbst war dieses Lied eine jahrzehntelange Suchbewegung. Immer und immer wieder dichtete er neue Verse oder sang live eine neue Version. Rund 80 Strophen hat er zu „Hallelujah“ geschrieben.
Als Cohen beginnt, an dem Lied zu arbeiten, ist der Zauber der Anfangszeit verflogen, sowohl beruflich als auch privat. Seine große Zeit scheint vorbei, die Hits bleiben aus. Im Persönlichen ist seine Ehe und Familie zerbrochen. Der Sänger versinkt in eine tiefe Depression, die er mit Medikamenten bekämpft. Umso erstaunlicher, in dieser Situation schreibt er ein Halleluja-Lied. Freilich sein Halleluja ist weder ein engelgleiches Gotteslob noch ein entrücktes Halleluja. Ein solches nennt er im Song „holy hallelujah“, heiliges Halleluja. Cohens Halleluja kennt vielmehr die Abgründe der menschlichen Seele. Sein Halleluja tönt aus der Finsternis seines Herzens. Er bezeichnet es im Lied daher als „broken Hallelujah“. Ein gebrochenes – und manchmal singt er auch - ein kaltes, einsames, zerrissenes Halleluja. Er erläutert es so: „Die Welt ist voller Konflikte und Dinge, die nicht wieder ins Lot gebracht werden können. Aber es gibt Augenblicke, in denen wir das dualistische System durchdringen und das ganze Durcheinander miteinander aussöhnen und umarmen können… Egal wie unmöglich eine Situation sein mag, es gibt Augenblicke, in denen man den Mund öffnet und die Arme in die Höhe reißt… und einfach ruft: ‚Hallelujah‘.“
Aber Leonard Cohen wird mit diesem gebrochenen Halleluja nicht fertig. Drei Jahre schreibt er daran weiter. Als er schließlich 1984 in New York ins Studio geht, um den Song aufzunehmen, füllen die Zeilen mehrere Notizbücher. Eine große Baustelle. Doch die erste Version des Liedes wird tatsächlich fertig. Freilich, seine damalige große Plattenfirma weigert sich, „Hallelujah“ und das dazugehörige Album zu veröffentlichen. Sie hält es für unverkäuflich. Eine kreative Koryphäe ist ins Mahlwerk der gewinnorientierten Plattenindustrie geraten. Das Album erscheint erst ein Jahr später auf einem anderen, kleinen Label. Sozusagen unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Es ist Bob Dylan, der das Lied als erster entdeckt. Er spielt es bei einem Konzert in Cohens Heimatstadt Montreal. 15 Jahre bevor es ein Hit wird. Das macht Bob Dylan aus. Niemand hat auch nur eine Idee von diesem Lied. Er schaut sich um, was es gibt und sagt: Das da, das ist ein interessanter Song! Aber Dylan ist ein Thema für ein andermal, zu Dylan machen wir in 14 Tagen einen Pop-Gottesdienst. Zurück zu Cohen. Sein „Hallelujah“ sollte noch Jahre schlummern. Jahre, in denen das Lied die Entwicklungsphasen eines Schmetterlings durchlebt. Es löst sich aus seinem Entstehungszusammenhang und verwandelt sich. Larve, Puppe und dann die volle Entfaltung ab der Jahrtausendwende. Vielleicht hat der „Gott der Lieder“ Humor? Der Durchbruch gelang an einem der unwahrscheinlichsten Einsatzorte für ein solches Lied: als zentrale Filmmusik im computeranimierten Kinderfilm „Shrek – der tollkühne Held“. Tja, was soll man dazu sagen? Cohen hat einmal im kanadischen Fernsehen gesagt: „Man versucht jedes Mal, einen guten Song zu schreiben und alles hineinzulegen, was man hat. Aber man kann nicht bestimmen, was daraus wird.“
Der Dichter und das Transzendente, der Popstar und die Bibel, der Jude und Jesus. Leonard Cohens Verhältnis zur Religion ist faszinierend, schimmernd, voller Gegensätze. Cohen ist Kanadier jüdischen Glaubens. Sein Großvater war Rabbi, der ihm stundenlang aus der Bibel vorlas. Cohen notierte einmal in seinem Notizblock: Ich bin „geborgen im Herzen der Bibel“. Geborgen im Herzen der Bibel. Die Bibel ist Inspiration für sein eigenes Denken und Fühlen. Sie ist Quelle für seine Poesie, die das Heilige irgendwie in Worte fassen möchte. Die Bibel besteht für ihn nicht aus einer Sammlung von Dogmen oder Patentrezepten fürs Leben, sondern aus lebendigen Figuren. Die historischen Personen der Bibel sind für ihn Seelenverwandte, in denen er seine eigene Sehnsüchte und Ängste wiederfindet, seine Suche und seine Zerrissenheit, seinen Glauben und seine Zweifel. Er liest die Bibel als einen Schatz an Erfahrungen und Botschaften, die uns helfen, uns selbst und die Welt zu verstehen. Sein jüdischer Glaube angereichert mit buddhistischen Elementen schenkt ihm die Kraft, Drogenexzesse und Depressionen, Liebesschmerz und Irrwege, Finsternis und Abgründe zu überstehen. Er fühlt sich geborgen im Herzen der Bibel.
Cohens Bibel ist zunächst die Bibel der Juden, das Alte Testament. Aber er beschäftigt sich in seinen Liedern auch mit Jesus. Was verbindet der Jude Cohen mit dem Mann aus Nazareth? Cohen ist Jude – so wie Jesus. Jesu Botschaft setzt sich auch nicht grundsätzlich vom jüdischen Glauben ab, sondern ist tief im Judentum verwurzelt. Gerade Hermann Maas, der im 3. Reich Pfarrer hier an der Heiliggeistkirche war, wurde nicht müde dies unter großem persönlichem Einsatz immer wieder zu betonen. Leonard Cohen beschäftigt sich sein ganzes Leben lang mit Jesus, er ist tief von ihm berührt. Einmal sagte er über Jesus: „Er ist vielleicht der prächtigste Kerl, der je auch Erden herumgelaufen ist. Einer, der gesagt hat: „Selig sind die Armen, selig sind die Sanftmütigen“ muss eine Persönlichkeit von einzigartiger Güte, Einsicht und Verrücktheit gewesen sein. Ein Mann, der erklärt, er habe seinen Platz bei den Dieben, den Prostituierten, den Heimatlosen: Seine Position ist mit dem Verstand nicht zu fassen. Es ist eine nicht menschliche Großmut. Eine Großmut, die die Weltordnung über den Haufen werfen würde, wenn sie Schule machen würde, denn nichts könnte diesem Mitgefühl standhalten.“
Ansprache 2: Geschichte des Liedes "Hallelujah"
Hallelujah. Der Jude Leonard Cohen schrieb ein Lied, das Menschen unterschiedlichsten Glaubens auf der ganzen Welt zu Herzen geht. „Hallelujah" ist eine Hymne auf die Liebe, ein Loblied auf die Sinne und zugleich ein Psalm, ein Gebet. Im Song verwebt Cohen das Schicksal biblischer Figuren mit seinen eigenen Sehnsüchten und Zerrissenheitserfahrungen. „Hallelujah" gehört zu den am häufigsten gecoverten Liedern in der Pop-Geschichte. Eine Musik, die gern bei Hochzeiten gespielt wird. Aber unter uns sind auch welche, die ihren Ehepartner verloren haben, und das Lied „Hallelujah“ war Teil der Trauerfeier. Alle kennen das Lied, viele lieben es, und jeder verbindet etwas anderes damit. Es wird auch von Menschen gesungen, die mit herkömmlichen Formen von Frömmigkeit wenig anfangen können und die doch in einem ganz unmittelbaren Sinne Sehnsucht nach dem Unendlichen haben. Und heute tanzen wir das „Hallelujah“ auch! Dem Geheimnis dieses Liedes nähern wir uns auf verschiedene Arten und Weisen: bisher gottesdienstlich mit musikalischem Gebet und Ansprache sowie instrumental mit Zymbal, einem in Osteuropa verbreiteten Instrument; gleich auch mit Gesang und Tanz. Dieser Gottesdienst ist eine Suchbewegung. Auch für Leonard Cohen selbst war dieses Lied eine jahrzehntelange Suchbewegung. Immer und immer wieder dichtete er neue Verse oder sang live eine neue Version. Rund 80 Strophen hat er zu „Hallelujah“ geschrieben.
Als Cohen beginnt, an dem Lied zu arbeiten, ist der Zauber der Anfangszeit verflogen, sowohl beruflich als auch privat. Seine große Zeit scheint vorbei, die Hits bleiben aus. Im Persönlichen ist seine Ehe und Familie zerbrochen. Der Sänger versinkt in eine tiefe Depression, die er mit Medikamenten bekämpft. Umso erstaunlicher, in dieser Situation schreibt er ein Halleluja-Lied. Freilich sein Halleluja ist weder ein engelgleiches Gotteslob noch ein entrücktes Halleluja. Ein solches nennt er im Song „holy hallelujah“, heiliges Halleluja. Cohens Halleluja kennt vielmehr die Abgründe der menschlichen Seele. Sein Halleluja tönt aus der Finsternis seines Herzens. Er bezeichnet es im Lied daher als „broken Hallelujah“. Ein gebrochenes – und manchmal singt er auch - ein kaltes, einsames, zerrissenes Halleluja. Er erläutert es so: „Die Welt ist voller Konflikte und Dinge, die nicht wieder ins Lot gebracht werden können. Aber es gibt Augenblicke, in denen wir das dualistische System durchdringen und das ganze Durcheinander miteinander aussöhnen und umarmen können… Egal wie unmöglich eine Situation sein mag, es gibt Augenblicke, in denen man den Mund öffnet und die Arme in die Höhe reißt… und einfach ruft: ‚Hallelujah‘.“
Aber Leonard Cohen wird mit diesem gebrochenen Halleluja nicht fertig. Drei Jahre schreibt er daran weiter. Als er schließlich 1984 in New York ins Studio geht, um den Song aufzunehmen, füllen die Zeilen mehrere Notizbücher. Eine große Baustelle. Doch die erste Version des Liedes wird tatsächlich fertig. Freilich, seine damalige große Plattenfirma weigert sich, „Hallelujah“ und das dazugehörige Album zu veröffentlichen. Sie hält es für unverkäuflich. Eine kreative Koryphäe ist ins Mahlwerk der gewinnorientierten Plattenindustrie geraten. Das Album erscheint erst ein Jahr später auf einem anderen, kleinen Label. Sozusagen unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Es ist Bob Dylan, der das Lied als erster entdeckt. Er spielt es bei einem Konzert in Cohens Heimatstadt Montreal. 15 Jahre bevor es ein Hit wird. Das macht Bob Dylan aus. Niemand hat auch nur eine Idee von diesem Lied. Er schaut sich um, was es gibt und sagt: Das da, das ist ein interessanter Song! Aber Dylan ist ein Thema für ein andermal, zu Dylan machen wir in 14 Tagen einen Pop-Gottesdienst. Zurück zu Cohen. Sein „Hallelujah“ sollte noch Jahre schlummern. Jahre, in denen das Lied die Entwicklungsphasen eines Schmetterlings durchlebt. Es löst sich aus seinem Entstehungszusammenhang und verwandelt sich. Larve, Puppe und dann die volle Entfaltung ab der Jahrtausendwende. Vielleicht hat der „Gott der Lieder“ Humor? Der Durchbruch gelang an einem der unwahrscheinlichsten Einsatzorte für ein solches Lied: als zentrale Filmmusik im computeranimierten Kinderfilm „Shrek – der tollkühne Held“. Tja, was soll man dazu sagen? Cohen hat einmal im kanadischen Fernsehen gesagt: „Man versucht jedes Mal, einen guten Song zu schreiben und alles hineinzulegen, was man hat. Aber man kann nicht bestimmen, was daraus wird.“
Ansprache 2: Interpretation des Liedes "Hallelujah"
Hallelujah. Im Lied gewährt Leonard Cohen intimen Einblick in seine Seele, die vieles erlebt und durchlitten hat. Er sagt dazu: Entstanden ist der Song „aus dem Wunsch meinen Glauben zu bezeugen – und zwar mit Enthusiasmus und Gefühl“. Spüren wir dem einmal nach, entlang dem Text der Erstveröffentlichung.
Now, I've heard there was a secret chord
That David played, and it pleased the Lord
But you don't really care for music, do you?
It goes like this, the fourth, the fifth
The minor fall, the major lift
The baffled king composing Hallelujah
Hallelujah, Hallelujah, Hallelujah, Hallelujah
Ich habe gehört, es gab einen geheimen Akkord
Den David spielte und der dem Herrn gefiel
Aber Du machst dir nichts aus Musik, oder?
Er geht so: die Quarte, die Quinte
Der traurige Abstieg zu "Moll", der fröhliche Aufstieg zu "Dur"
Der verblüffte König komponierte ein Halleluja
Your faith was strong but you needed proof
You saw her bathing on the roof
Her beauty and the moonlight overthrew her
She tied you to a kitchen chair
She broke your throne, and she cut your hair
And from your lips she drew the Hallelujah
Dein Glaube war stark, doch Du brauchtest einen Beweis
Du sahst sie auf dem Dach baden
Ihre Schönheit und das Mondlicht übermannten Dich
Sie band dich an einen Küchenstuhl
Sie zerstörte deinen Thron und sie schnitt dein Haar
Und entriss deinen Lippen das Halleluja
You say I took the name in vain
I don't even know the name
But if I did, well really, what's it to you?
There's a blaze of light in every word
It doesn't matter which you heard
The holy or the broken Hallelujah
Du sagst: Ich missbrauche den Namen Gottes
Dabei kenne ich den Namen nicht einmal
Aber wenn es denn so wäre, welche Bedeutung hat das für Dich?
In jedem Wort flammt eine gewisse Glut
Es ist egal, welches Du gehört hast:
das heilige oder das gebrochene Halleluja
I did my best, it wasn't much
I couldn't feel, so I tried to touch
I've told the truth, I didn't come to fool you
And even though it all went wrong
I'll stand before the Lord of Song
With nothing on my tongue but Hallelujah
Ich gab mein Bestes, viel war es nicht
Ich konnte nichts fühlen, deshalb versuchte ich zu berühren
Ich sage die Wahrheit, ich bin nicht gekommen, Dich zu täuschen
Und obwohl alles falsch gelaufen ist
Werde ich vor dem Gott der Lieder stehen
Mit nichts auf meiner Zunge als Halleluja
Das Lied beginnt mit einem fantasievollen Gedanken: Der Musikerkönig David will Gott mit einem geheimen Akkord gefallen. Doch Gott macht sich anscheinend nichts aus Musik, mutmaßt Cohen im Lied. Dann offenbart er diese geheime Akkordfolge, die im Lied gleichzeitig gespielt werden. Es ist eine aufsteigende Akkordfolge aus Dur- und Moll-Akkorden. Sie geht so: F-Dur, G-Dur, A-Moll, F-Dur. Der König ist selbst so verblüfft über die Schönheit seiner Musik, dass er zum „Hallelujah“ ansetzt.
David, das ist der große biblische Seelenbruder Leonard Cohens. Nach der Bibel ist David musikalisch, schreibt Lieder und spielt ein Saiteninstrument. Er versteht Musik heilend einzusetzen. Seinen Thronvorgänger Saul heilt er mit Harfenspiel von Depressionen. David und Cohen: beide sind Musiker, beide vertreiben mit Musik Depressionen, David die von anderen, Cohen die eigenen. Beide dichten sie wortgewaltige Psalmgebete, die die Tiefen und Abgründe der Seele durchdringen. In einem Gebet von Cohen fühlt er sich „wie David, der sich in die Finsternisse der Liebe begab“. Und weiter bittet er in diesem Gebet den Himmel „fertig zu sein mit dieser Bürde von Herz, mit dieser stolzen Verzweiflung, endlich durch zu sein mit diesem Abgrund der Liebe“. Und noch etwas verbindet David und Cohen: Beide sind lüsterne Frauenhelden.
Wie David sich herunter beugte in die Finsternisse der Liebe und der Libido, erzählt die zweiten Strophe des Liedes. Cohen folgt dabei zunächst der Bibel: Lustbesessen verführt König David die nackt badende Batseba. Indes, die Schönheit ist verheiratet und wird schwanger. David versucht den Ehebruch zu vertuschen, indem er Batsebas Mann ermorden lässt. Doch das erzählt Cohen nicht mehr, denn er wechselt die Szene und mischt die Handlung mit Motiven einer anderen Geschichte. Das ist typisch für Cohen. Seine Liedtexte sind schwer zu interpretierende Lyrik. Bilder, Metaphern und Assoziationen fließen oft übergangslos ineinander. Im Lied „Hallelujah“ bindet Batseba David am Küchenstuhl fest, zerbricht seinen Thron und schneidet seine Haare. Bizarr wirkt es, dass sie dem König in dieser Situation noch ein „Hallelujah“ von den Lippen entlockt. Hintergrund ist dabei die biblische Samson-Geschichte: Samson ist ein Krieger mit herkulischer Kraft. Liebestrunken verrät er der erotischen Delilah das Geheimnis seiner Stärke, nämlich dass seine Haare noch niemals im Leben geschoren wurden. Perfide schneidet Delilah ihm im Schlaf die Haare ab, bindet ihn und stürzt ihn ins Verderben.
In der nächsten Strophe erzählt Cohen dann von sich selbst, von seiner Gottessuche, seinen Sehnsüchten und seinen Abgründen. Im Text stellt er das heilige und das gebrochene Hallelujah auf eine Stufe. Licht und Finsternis, Gebrochenheit und Liebe stehen bei Cohen in einem untrennbaren Verhältnis zueinander. Im Lied „Anthem“ singt er: In allem, was trostlos und finster erscheint, ist ein Riss, durch den das Licht eintritt. Cohen meint dazu: Etwas muss zerbrechen, „bevor wir etwas lernen können. Das ist zumindest meine Erfahrung. Vielleicht kann man drumherum kommen, aber ich bezweifle das. Erst wenn das Herz bricht, wissen wir etwas über die Liebe“.
Im Moment leben wir in Zeiten der Drangsal. Die Pandemie führt uns die Gebrechlichkeit unseres Lebens schmerzhaft vor Augen. Unberührbarkeit und Distanz sind oft der Nähe gewichen. Ja, die Pandemie ist wie ein Riss, der sich durch fast alle Bereiche des Lebens zieht. Dies spiegelt sich auch in unseren Seelen. Und so manche empfinden ihre Existenz als einsam, als trostlos, als gebrochenen. In dieser Situation und in anderen persönlichen Katastrophen mag vielleicht hilfreich sein: Bei Cohen kann man sehen, wie er die eigene Gebrochenheit akzeptiert und annimmt. In seinem Wortschatz: Das ganze Durcheinander miteinander aussöhnt und umarmt. Selbst die Not bringt Cohens Halleluja nicht zum Verstummen. Sein Gotteslob ist komplex und schließt Einsamkeit und Zerrissenheit mit ein. Das macht das Besondere des Liedes aus.
Dies steigert sich zum Schluss des Liedes noch einmal. Wie eine Lebensbeichte hört sich die letzte Strophe an. Cohen greift auf den Anfang zurück und hofft, dass Gott sich vielleicht doch etwas aus Musik macht. Wie David in der Batseba-Geschichte steht er reumütig, mit leeren Händen vor Gott. Im Text heißt es: „Ich gab mein Bestes, viel war es nicht. Und obwohl alles falsch gelaufen ist, werde ich vor dem Gott der Lieder stehen, mit nichts auf meiner Zunge als ein Halleluja.“
Der Kerngedanke des Liedes fasziniert mich: Der Himmel bahnt sich seinen Weg in unsere Herzen nicht durch den Kopf, sondern durch die Sinne. Was wesentlich ist, muss durch das Leben, die Liebe und den Schmerz geläutert werden. Ein Halleluja-Ruf, der sich so kristallisiert, ist kein reines, schönes, perfektes, sondern vielmehr ein gebrochenes Halleluja. Es hat die menschlichen Abgründe durchschritten. Dies alles schwingt für mich in Leonard Cohens „Hallelujah" mit. Er kommentiert das Lied selbst so: „Der Song erklärt, dass es mehrere Formen des Hallelujas gibt und dass alle perfekten wie gebrochenen Hallelujas dieselbe Wertigkeit haben.“
Literatur:
Uwe Birnstein, »Hallelujah«, Leonard Cohen! - Wie Leonard Cohen Gott lobte, Jesus suchte und unsere Herzen berührt, München u.a. 2020
Wolfgang Haberl, Leonard Cohen - Die Macht der Worte, Waiblingen 2018
